Milano-cortina 2026: 79 medaillen, 56 nationen – das paralympics-feuer brennt ab freitag

Um 20 Uhr erlöst Präsident Sergio Mattarella die Flamme in der Arena von Verona – und schickt 655 Athleten in einen 13-tägigen Sturm aus Eis, Adrenalin und Geschichte. Die Paralympics von Milano-Cortina starten, wo Olympia gerade erst endete. Doch diesmal geht es nicht um Hundertstel, sondern um Lebensgeschichten.

42 Italiener jagen den nächsten boom

Die Squadra azzurra ist so groß wie nie: 42 Starter, darunter 12 Debütanten, drei Skiführer für Blinde. Giacomo Bertagnolli, visuell eingeschränkt, gilt mit Führer Andrea Ravelli als Goldkandidat im alpinen Slalom. Emanuel Perathoner, früher Olympia-Teilnehmer im Snowboard, kehrt mit Prothese zurück – und ist Favorit in beiden Disziplinen. Das Para-Ice-Hockey-Team spielt vor ausverkaufter Santagata-Arena gegen die USA; 16.000 Tickets weg, ein neuer Zuschauerrekord für die Serie.

79 Entscheidungen stehen an: 39 Männer, 35 Frauen, 5 gemischt. Die Athleten kommen aus 56 Ländern – so viele wie nie, wenn man von den politischen Boykottierern absieht. Deutschland gesellt sich jetzt zu Ukraine, Lettland, Polen, Kanada, Dänemark und Großbritannien, die die Eröffnung sausen lassen. Russland und Belarus sind startberechtigt, aber nicht willkommen. Die endgültige Zahl der Starter klärt sich erst, wenn die ersten Scheiben und Skier über die Piste flitzen.

50 Jahre nach örnsköldsvik rollt der rollstuhl-curling-stein durch cortina

50 Jahre nach örnsköldsvik rollt der rollstuhl-curling-stein durch cortina

1976 waren es 198 Sportler in Schweden. Heute zählt das IPC 655. Die Technik der Sit-Skis hat sich verfeinert, die Geschwindigkeiten der Blinden in der Abfahrt klettern über 100 km/h, und die Curling-Steine auf dem Eis von Cortina gleiten mit millimetergenauer Handsteuerung. Die Wettkämpfe sind verteilt: Milano übernimmt das Para-Eishockey, Cortina alpines Skifahren, Snowboard und Rollstuhl-Curling, Tesero in der Val di Fiemme Biathlon und Langlauf. Dort will Giuseppe Romele, der auch in Paris 2024 über Triathlon startet, seine dritte Sportart mit Edelmetall krönen.

Präsident Marco Giunio De Sanctis vom italienischen Paralympischen Komitee schraubt die Erwartung hoch: „Wir können die sieben Medaillen von Peking einstellen oder toppen – das wäre ein historischer Satz.“ Für ihn ist es die erste Spiele-Führung nach 40 Jahren im Verband. Er will nicht nur Podest, sondern Kulturwandel: „Inklusion ist kein Slogan, sondern ein neuer Normalzustand.“

Die Fackel ist bereits am Mailänder Dom angekommen. Am Sonntag, dem 15. März, wird sie wieder erlöschen. Bis dahin werden Bilder entstehen, die länger wirken als jede Statistik: Ein Einbeiniger, der im Slalom die Richter vor sich her jagt. Eine Blinde, die mit ihrem Führer im Gleichklang die Ziellinie trifft. Und ein Rollstuhl-Curling-Team, das den letzten Stein wirft – und damit ein halbes Jahrhundert Paralympics-Geschichte neu justiert.