Milan zerlegt: sturm ohne zahn, leao verspielt den rest

44 Tore nach 29 Spieltagen – das ist keine Talfahrt, das ist ein Offensiv-Crash. Milan liegt zwölf Zähler hinter Inter, hat 21 Treffer weniger auf dem Konto und wirkt beim Anblick der Tabelle wie ein Betrunkener, der seinen Schlüssel sucht: sichtlich bemüht, aber ahnungslos.

Leao und pulisic: ein paar, das sich nicht berührt

Rafael Leaos Körpersprache erinnert seit Wochen an einen Musiker, der vergessen hat, wofür er die Gitarre überhaupt stimmt. Christian Pulisic wiederum wirkt wie ein Fremder, der versehentlich auf dem Rasen gelandet ist – bemüht, aber ohne Anschluss. Seit Januar 2025 standen beide nur dreimal gleichzeitig auf dem Platz, erzielten dabei genau null Tore gemeinsam. Die Bilanz ist kein Ausrutscher, sie ist ein Lebenszeichen im Krebsstadium.

Trainer Massimiliano Allegri schwurbelt nach Niederlagen gern von „balanciertem Wachstum“. Dabei ist seine Angriffsreihe so una, als wolle man ein Puzzle mit Teilen aus drei verschiedenen Sets lösen: Leao dribbelt nach Plan, Pulisic sprintt ins Leere, Füllkrug wartet auf Bälle, die nie kommen. Gegen Lazio war der deutsche Neuzugang 76 Minuten unsichtbar – Statistik-Portale vermerkten lediglich 17 Ballberührungen, keine einzige Torschuss-Vorbereitung. Nicolas Nkunku kam, sah, verflüchtigte sich.

Der pubalgia-faktor und ein körper, der streikt

Der pubalgia-faktor und ein körper, der streikt

Leaos chronische Leistenprobleme sind kein Geheimnis im Milanello. Was sich ändert, ist die Geschwindigkeit, mit der er sich davon erholte – früher Tage, heute Wochen. Sein erstes italienisches Jahr brachte noch neun Liga-Tore, jetzt, da er sich als Falscher Neun versuchen soll, wirkt er wie ein Sportwagen mit Handbremse. Die Sprints sind halbherzig, die Abschlüsse ungestüm und ungenau. Der „sacro fuoco“, das heilige Feuer, das ihn einst auszeichnete, glimmt nur noch wie ein Zigarettenstummel im Regen.

Allegri verbarrikadiert sich hinter dem Mantra vom „sacro equilibrio“. Deshalb startet er nur mit zwei Stürmern, stellt das Dreier-System erst ein, wenn die Uhr bereits auf Verzweiflung steht. Dabei wäre genau jenes Tridente eine Option, um Gegner zu überrumpeln – doch der Coach fürchtet offenbar mehr das Gegentor als er das erlösende Tor ersehnt. Seit dem 18. Februar kam es nicht einmal mehr zu einem Experiment, geschweige denn zu einer Trendwende.

Transferkarussell beginnt im april

Transferkarussell beginnt im april

Der Markt wird die Lücke füllen müssen. Moise Kean liebt Allegri, weil der Italiener bereit ist, sich in die Tiefe zu verschlingen und Räume für Flügelläufer aufzureißen. Nicolas Jackson hingegen ist kein klassischer Target-Man, eher ein zweiter Flügelstürmer mit Zentraltendenz. Die Bosse planen bereits mit Sommer-Listen, auf denen auch Joshua Zirkzee und Benjamin Šeško stehen – beide Profis, die Tore garantieren, wenn das System stimmt.

Doch das System ist das Problem. 44 Treffer sind keine Momentaufnahme, sie sind ein Spiegelbild einer Philosophie, die den Gegner respektiert und sich selbst vergisst. Solange Allegri nicht erkennt, dass ein Handtuchwink nach 70 Minuten kein Angriffsprinzip ist, wird Milan auch im Mai noch vor 20.000 Fans jene Statistik anschauen: Inter 65, wir 44. Die Meisterschaft ist längst entschieden, die Frage bleibt, ob der Schaden noch größer wird. Die Antwort lautet: Ja, solange Leao und Co. weiterspielen, als wäre das Tor ein Zufallsprodukt.