Lisa antl packt aus: so riss dortmund den pokal an sich

Gold nach Silber – das klingt wie ein Börsencrash, ist aber der pure Adrenalinschub. Lisa Antl trägt die Medaille noch warm vom Final4 um den Hals, als sie die Frage nach dem Geheimnis des BVB beantwortet. Ihre Antwort: ein Satz, der so klingt, als hätte er sich schon vor Wochen in der Kabine eingebrannt.

»Die mannschaft gewinnt, die am meisten über sich hinauswächst«

Karo Kudlacz hatte es vor dem Anwurf gesagt. Antl zitiert ihre Kapitänin, während nebenan die confetti-arme Dusche durch die Mixed-Zone rieselt. Was sich wie Standardkriegsrhetorik anhört, war auf dem Feld messbar: Dortmund war nicht einfach fitter, sie waren hungriger. Als HSG Bensheim/Auerbach in der 45. Minute auf zwei Tore herankroch, wechselte Coach Henk Groener nicht nur Position für Position – er schickte eine zweite Mannschaft auf die Platte, die schon das ganze Jahr nur dafür trainiert hatte, den Moment zu ertränken.

Die Zahlen liefern das Alibi für die These: 18 Tore aus dem Rückraum, 7 Fast-Break-Buden, 5 geblockte Würfe in der Schlussphase. Statistiken kann man schönfärben, aber man kann ihnen nicht die Schweißperlen aus dem Protokoll wischen. Dortmund war das Team, das in den letzten vier Minuten noch zweimal Vollgas lief, obwohl die Oberschenkel schon längst gegen das Regulationsverbot rebellierten.

Der bankrausch ist kein mythos

Der bankrausch ist kein mythos

Antl lacht, als wir sie auf die Tiefe ansprechen. „Wir haben neun Spielerinnen unter 25, die alle schon zweimal die Woche 200 Würfe aus der zweiten Reihe trainieren.“ Sie sagt es so, als wäre das die selbstverständlichste Antwort auf die Frage, warum der BVB selbst dann noch Tempo macht, wenn andere längst in den Eisen liegen. Der entscheidende Wechsel: Mia Zschocke für die angeschlagene Rechtsaußen, zwei Tore in 120 Sekunden, Spiel gedreht. Groener selbst nannte es später „eine Rotation, die wir seit Januar im Kopf tragen“.

Was niemand notiert: In diesem Kader steckt auch die verlorene Halbfinale-Pleite von 2022. Die meisten waren dabei, als Thüringen sie in der Verlängerung auseinandernahm. Antl selbst war es, die damals den letzten Siebenmeter an die Latte setzte. Sie trägt diese Last nicht als Mantel, aber als Brandbeschleuniger. „Wir haben gelernt, dass Pokalendspiele keine Schönheitswettbewerbe sind“, sagt sie und klingt dabei, als hätte sie das Manuskript dafür selbst geschrieben.

Der schwung ist eingepresst, nicht eingepackt

Der schwung ist eingepresst, nicht eingepackt

Jetzt steht die Meisterschaft vor der Tür, Playoff-Plätze sind noch offen. Antl weiß, dass der Pokal ‚nur‘ 2,3 Kilogramm wiegt, aber die Trägheit, die er erzeugt, ist massiv. „Wir werden diesen Samstag nicht feiern, wir werden trainieren“, sagt sie und meint damit den Tag nach dem Triumph. Keine Siegespose auf Instagram, dafür Sprintserien bis zur Erbrechengrenze. Der BVB will in den Playoffs nicht nur dabei sein, er will dort erneut Geschichte schreiben.

Die letzte Frage: Ob sie die Medaille mit nach Hause nimmt? „Die bleibt im Verein, sonst vergisst man, warum man morgens aufsteht.“ Sie lacht, dreht sich um und verschwindet in Richtung Teambus. Der Motor läuft bereits. Dortmund hat nicht nur einen Pokal gewonnen – sie haben sich selbst als Standard etabliert. Und Standards fahren nicht mit dem Taxi, die fahren Nachtschicht.