Michael frey kehrt nach acht jahren zurück – und zittert vor der heimat

Er war in Istanbul zwischen Minaretten, in Antwerpen an der Schelde und in Kiel an der Ostsee. Jetzt steht Michael Frey wieder auf dem Letzigrund – und gibt zu: „Ich hatte etwas Angst.“ Nach acht Jahren im Ausland schob sich beim 31-Jährigen keine Sehnsucht, sondern ein mulmiges Gefühl in den Magen. Grasshopper holte ihn im Winter, um im Abstiegskampf Haltung zu zeigen. Der Stürmer lieferte sofort, doch die Geschichte beginnt mit einem Zweifler.

Der fremde in der heimat

Frey zog die Trikots von Osmanlispor, KVC Westerlo und Holstein Kiel über, vergaß nie die Zürcher Mundart, verlor aber das Gefühl dafür, wie Schweizer Fussball tickt. „Ich wusste nicht, wie man mich aufnimmt“, sagt er, während seine Kollegen nach dem Training Sprint um Sprint ziehen. Die Antwort kam prompt: Coach Carlos Bernegger setzt ihn sofort als Leitwolf, die Kurve skandiert seinen Namen, die Klubführung lobt seine Professionalität. Die Angst schmolz, nicht zuletzt, weil er in der Kabine sofort Verantwortung übernahm. Wer fragt, bekommt eine ehrliche Antwort, wer nölt, kriegt ein „Chasch nit ernst si“ mit bernischem Akzent zu hören.

Die Zahlen sprechen für sich: Seit seinem ersten Startelfeinsatz erzielte Frey vier Tore in zwölf Partien, zwei Assists kommen obendrü. Grasshopper holte in diesem Zeitraum neun Punkte – ein Sechstel der Gesamtausbeute. Ohne ihn wäre GC längst auf dem Relegationsplatz abgedockt. Mit ihm holte der Klub einen 2:1-Sieg gegen YB und ein 3:3 in St. Gallen, Spiele, die sonst in Katastrophenmeldungen enden. „Er bringt die Ruhe, die wir brauchen“, sagt Mittelfeldspieler Nassim Ben Khalifa, selbst einst ein verlorenes Talent.

Der abstieg soll nicht das letzte kapitel sein

Der abstieg soll nicht das letzte kapitel sein

Am Samstag geht’s nach Luzern, dann empfangen die Zürcher Sion. Sechs Spiele bleiben, vier Punkte fehlen auf den sicheren Nicht-Abstiegsplatz. Frey schaut auf die Tabelle wie ein Gefängnisplan: „Wir haben die Qualität, das klar. Aber Qualität allein reicht nicht, wenn der Kopf nicht mitläuft.“ Also organisiert er Extra-Einheiten, lädt Jungprofis zum Videoanalyse-Frühstück ein, bezahlt selbst den Kaffee. Die sportliche Leitung atmet auf: Endlich jemand, der nicht nur redet, sondern auch handelt.

Die Fans fragen sich laut Stadionwänden, ob Frey bleibt, sollte der Klub erneut in die Challenge League rutschen. Sein Vertrag läuft 2025 aus, eine Ausstiegsklausel bei drohendem Abstieg ist Gerüchten zufolge bereits vereinbart. Frey lacht das weg: „Ich bin hier, um zu helfen, nicht um zu fliehen.“ Die Antwort klingt wie ein Schwur – und wie ein Versprechen an sich selbst. Wer acht Jahre durch Europa irrte, fürchtet sich nicht vor zweiten Ligen, sondern vor dem Gefühl, wieder fremd zu sein. Diesmal will er bleiben, bis der Letzigrund wieder zählt.

Um 18:00 Uhr endet das Training, um 18:15 steht Frey noch immer am Spielfeldrand, unterschrittlich Autogramme, quatscht mit einem Vater, dessen Sohn den gleichen Namen trägt. Die Sonne fällt gold über den Rasen, die Angst von einst wirkt wie ein Déjà-vu aus einer anderen Zeit. Wenn Grasshopper am letzten Spieltag die Klasse hält, wird niemand mehr von Zweifeln sprechen. Dann steht da ein Stürmer, der die Super League nicht rettete, sondern sich selbst – und damit den ganzen Verein. Die Geschichte ist noch nicht zuende, aber das Kapitel „Fremder“ hat er längst geschlossen.