Mcgrath weint mit kugel, straßer findet spät rhythmus
Atle Lie McGrath fuhr achter, reichte. Die kleine Kristallkugel im Slalom blieb in Norwegen, und der 24-Jährige brach vor laufender Kamera in Tränen aus, während Linus Straßer im zweiten Lauf noch einmal angriff, aber nur auf Rang neun landete.

Hafjell liefert finale mit offenem ende
Die Piste in Hafjell war am Vormittag schon zerfahren, die Kanten weich. Wer früh startete, hatte Pech. Straßer traf mit der Nummer zwölf auf die schlimmste Schneematsch-Zeit, verlor im untersten Drittel fast vier Zehntel, rutschte auf den dreizehnten Platz. Im zweiten Durchgang wechselte er auf härteres Ski-Material, riss die Linie enger, wackelte nur kurz vor dem Zielsprung. Er rückte auf Neuner vor – ein versöhnlicher Schlussakkord für einen Winter, der sonst nur das Podest von Kitzbühel und vier Top-Ten-Platzierungen brachte.
Die große Geschichte schrieb indes McGrath. Der Norweger ging mit 55 Punkten Vorsprung auf Clement Noel in die letzte Rennwoche. Nach dem ersten L lag er nur auf Platz zwölf, die Rechnung schien offen. Doch Lucas Pinheiro Braathen, tags zuvor noch Riesenslalom-Kugel-Gewinner, rutschte in der Zielkurve weg und schied aus. Noel setzte beim riskanten Einschwung ins Flachstück zu viel Druck auf den Außen-Ski, verlor zwölf Hundertstel, blieb schließlich Fünfter. McGrath musste nur noch ins Ziel kommen – und fuhr trotz sichtbarer Nervosität acht Zehntel hinter Timon Haugan ins Ziel. Die Kugel war sicher.
Die Szene danach war ungeschminkt. McGrath fiel Braathen um den Hals, beide verschwanden im Schneegestöber, Tränen und Schneespray vermischten sich. „Ich habe die ganze Saison dafür gearbeitet, aber diese letzten zwei Minuten waren die längsten meines Lebens“, sagte er mit heiserer Stimme. Haugan durfte sich über den Tagessieg freuen. Der 29-jährige Lokalmatador nutzte die Startnummer drei, fuhr die frisch präparierte Piste runter und blieb mit 0,44 Sekunden Vorsprung vor Loic Meillard souverän. Eduard Hallberg aus Finnland kam als Dritter ins Ziel und durfte sich über sein bestes Saisonergebnis freuen.
Für die deutschen Farben lief es wie im gesamten Winter: außer Straßer keiner in den Punkterängen. Die Statistik bleibt hart: seit Fritz Dopfer 2015 gibt es keine kleine Kugel mehr für das DSV-Team. Straßer blickt dennoch nach vorn. „Ich habe die Antwort auf die Frage, warum es oft nur ein gutes Rennen pro Wochenende war. Die Antwort liegt im Material und in der Startnummer. Nächste Saison greife ich wieder an.“ Die Worte klingen nach Kampfansage – und nach der Erkenntnis, dass eine Kristallkugel nicht nur vom Können, sondern auch vom Timing lebt.
