Lorenzo steht auf dem prüfstand: vélez zerreißt kolumbiens selbstzufriedenheit

Ein Blitz, kein Blitz – und schon liegt Kolumbiens Nationalteam am Boden. Frankreich B, ohne Mbappé, ohne Griezmann, spaziert mit 3:0 durch die Tricolor. Dabei hätte es noch schlimmer kommen können, wäre Désiré Doué nicht zweimal, sondern dreimal aus fünf Metern eingeschlagen.

Was folgt, ist kein normales Pressefeuer, sondern ein Gutachten über ein System, das sich selbst belügt. Carlos Antonio Vélez, der journalistische Hauchdüse aus Medellín, legt nach. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Schärfe eines Chirurgen, der einen Tumor ohne Narkose entfernt.

Die drei sünden von néstor lorenzo

Erstens: Die Stammeslogik. Lorenzo setzt auf Radamel Falcao (37, ohne Pflichtspieltor seit 14 Monaten) und Wilmar Barrios, weil sie „die Kabine tragen“. Dabei schimmert Jhon Durán in Aston Villa und Juan Fernando Quintero dribbelt in China wieder halbwegs geradeaus. Vélez brüllt ins Mikro: „Wir erfinden einen Kader für 2026, aber bauen ihn mit Zement aus 2014.“

Zweitens: Die taktische Blindheit. Gegen Frankreich stellt Kolumbien eine Doppel-Sechs auf, die sich gegenseitig abschirmt wie zwei Fußgänger vor einem Spiegel. Doué findet Lücken, weil Frank Castaño und Kevin Castaño dieselbe Raumtiefe laufen – und zwar beide zu tief. Ergebnis: 38 Meter Leerraum vor der Abwehr, Thuram sprintet allein gegen David Ospina. 0:2. Lorenzo reagiert, indem er Luis Díaz auf rechts verfrachtet, wo er seit U-17-Zeiten nie mehr als drei Ballkontakte hatte.

Drittens: Die Reaktion kommt in der 73. Minute, also nach dem Schlusspfiff. Jorge Carrascal und Jaminton Campaz bringen Elan, aber keinen Plan. Vélez: „Wenn du erst nach dem dritten Gegentor aufwachst, bist du nicht müde – du bist betrunken von deiner eigenen PR.“

Die zuckersirup-fraktion

Die zuckersirup-fraktion

Radio Caracol, Win Sports, RCN – alle sender dieselbe Melodie: „Wir haben kämpferisch reagiert.“ Vélez spuckt ins Studio: „Kämpferisch reagiert? Wir haben zwei Torschüsse aus 18 Metern und eine Flanke, die Raphaël Varane mit der Hacke klärt. Das ist keine Reaktion, das ist ein Placebo.“

Die „Cultura del aplauso“, wie er es nennt, erstickt jede Selbstkritik im Keim. Kolumbien verliert 0:3, aber die Headlines sprechen vom „garra del segundo tiempo“. Vélez: „Wir haben uns daran gewöhnt, Fast-Tore zu feiern. Bald feiern wir Fast-Qualifikationen.“

Die zahlen, die lorenzo erdrücken

Die zahlen, die lorenzo erdrücken

Seit der Copa América 2021 hat Kolumbien in 18 Länderspielen nur fünf Siege geholt – drei davon gegen Honduras, Bolivien und Guatemala. Die Passquote gegen Frankreich: 71 %, aber 42 % in der gegnerischen Hälfte. Das bedeutet: Sie behalten den Ball, weil sie ihn nicht nach vorne trauen. Die Distanzschüsse: 2 aus 19 Versuchen. Die Flanken: 34, nur fünf finden einen Mitspieler. Die Sprintduelle gewonnen: 38 %. Die Luftschläge: 0.

Und die WM 2026? In 28 Monaten startet das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko. Laut FIFA-Ranking liegt Kolumbien auf Platz 17, hinter Mexiko, vor Schweiz. Das klingt nach Mittelfeld, ist aber ein Trugschluss. Die Konkurrenten um Platz 3-6 in Südamerika – Ecuador, Uruguay, Peru – haben alle jüngere Kerne und klare Spielideen. Kolumbien hat Díaz, der dribbelt, und hofft, dass irgendwann mal James Rodríguez wieder 28 ist.

Die sache mit dem folklore

Vélez‘ letzter Satz trifft mitten in die Solarplexus: „Wir sind keine Fußballnation mehr, wir sind eine Karaoke-Show, die alte Hits trällert.“ Er meint die Choreografien, die Trommeln, die gelben Hemden mit dem weißen Stern – alles schön, aber alles Dekoration. Das Spiel selbst? Kopflos, fußlos, zukunftslos.

Lorenzo hat noch zwei FIFA-Fenster, um die Richtung zu korrigieren. Zweimal 180 Minuten, um zu beweisen, dass er nicht nur ein Netzwerker ist, sondern ein Trainer. Die Uhr tickt lauter als die „Cancha“-Drums in Barranquilla. Verliert er auch gegen Spanien im März, ist selbst der Fußvolk der „Barras“ nicht mehr lauter als das eigene Gewissen.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Wer 0:3 gegen Frankreichs B-Elf kassiert, darf nicht über Schicksal reden. Er muss über Feuer reden – und darüber, wie man es legt, um die alten Helden zu verbrennen. Sonst endet die WM 2026 nicht im Achtelfinale, sondern im Kollektiv-Trauma. Die Kasse ist leer, die Uhr steht auf 23:59. Und Karaoke ist um Mitternacht vorbei.