Lipowitz und evenepoel: kein krieg, kein kapitän – nur ein ziel

Florian Lipowitz lacht, als ich ihn frage, ob er sich mit Remco Evenepoel schon um die Krone geprügelt hat. „Noch nicht einmal um das letzte Ei beim Frühstück“, sagt er und meint das todernst. Auf Teneriffa, 2.300 Meter über dem Atlantik, zieht das Duo von Red Bull-Bora-hansgrohe gemeinsam durch Vulkanasche und Nebel – und das, obwohl die Tour de France nur 100 Tage schläft.

Die katalonien-rundfahrt wird ihr erster gemeinsamer test

Ab 23. März teilen sich die beiden dieselben Wettkampfsekunden. Lipowitz, 22, nennt das Rennen „mein Labor“. Evenepoel, zweifacher Olympiasieger, nennt es „sein Mikroskop“. Keiner will gewinnen. Beide wissen: Wer hier attackiert, liefert der Konkurrenz ein Monatslater in Bilbao kostenloses Videomaterial.

Die Taktik? Eine Doppelspitze ohne Krone. Kein Kapitän, kein Co, nur ein Kompasse: Gelb im Champs-Élysées. „Wir fahren mit offenen Karten“, sagt Lipowitz. „Remco kann in fünf Sekunden zehn Watt mehr drücken, ich brauche dafür 30. Aber ich kann drei Wochen lang jeden Morgen aufstehen, als wäre nichts gewesen.“

Im mai folgt ein höhencamp, das drei wochen dauert – und eine wahrheit

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Die Mannschaft mietet ein Hotel in Sierra Nevada, stellt die Betten auf 3.000 Meter und schaltet das WLAN ab. Dort wird entschieden, wer in Bilbao die erste Attacke fährt – und wer die letzte. Lipowitz’ Schwachstelle kennt er genau: „Die 30-Sekunden-Watt“, nennt er sie. „Pogacar explodiert, ich glühe.“ Deshalb trainiert er jetzt auf dem Flugberg von Teneriffa: fünf Mal eine Minute Vollgas, 15 Sekunden Pause, wiederholen, bis die Beine zittern. „Danach schmeckt sogar die Cola wie Tee.“

Die Saisonplanung ist ein Anti-Stress-Programm. Nach der Tour folgt kein Absturz, sondern San Sebastián, Hamburg, Weltmeisterschaft. „Letztes Jahr bin ich Juli hoch, August krank, September leer“, sagt Lipowitz. „Diese Saison bleibe ich länger sauer – aber nie bitter.“

Die Konkurrenz schaut bereits. Jumbo-Visma hat zwei Kapitäne und ein Problem. UAE hat Pogacar und keine Nummer zwei. Red Bull hat zwei Nummer eins – und null Drama. „Wenn wir in Bilbao mit fünf Mann in Gelb fahren, hat sich die Rechnung aufgegangen“, sagt Lipowitz. „Dann ist das letzte Ei beim Frühstück doch noch verteilt.“