Lipowitz schlägt evenepoel – vingegaard fliegt bereits
Barcelona – 99 Tage vor dem Grand Départ der Tour de France schlägt Florian Lipowitz ein Ausrufezeichen. Der 23-jährige Oberbayer distanziert auf dem Coll de Pal seinen vermeintlich erfahrenen Red-Bull-Kapitän Remco Evenepoel um 37 Sekunden – und schickt damit ein Machtwort Richtung Teamchefs. Jonas Vingegaard? Der Däne spielt weiter in einer eigenen Liga und feiert seinen zweiten Saisonsieg nach Paris-Nizza.
Ein anstieg, zwei geschichten
16,9 Kilometer, durchschnittlich sieben Prozent Steigung, Temperaturen knapp über zehn Grad – ideale Bedingungen für Revanche. Lipowitz startet als Wasserträger, endet als Gejagter. „Ich wollte nur Tempo machen, bis die Lunte richtig brennt“, sagt er nach dem Ziel, die Stimme rau wie nach zehn Runden auf der Hometrainer-Rolle. Evenepoel, der Anfang Jänner aus dem Circus Quick-Step ausscherte, um endlich Tour-Chancen zu wahren, verliert auf den letzten vier Kilometern den Draht. Die Quads zittern, der Blick wandert. 37 Sekunden klingen nach wenig – in der Haut der belgischen Ikone wie ein Minikoma.
Lipowitz’ Vierter Rang bedeutet mehr als ein Etappenplatz. Er springt in der Gesamtwertung auf Position vier, 1:13 Minuten hinter Vingegaard, aber nur 25 Sekunden hinter Martinez. Evenepoel fällt auf Rang sieben zurück, 1:50 Minuten im Rückstand. Die interne Hierarchie bei Red Bull – bisher als offenes Geheimnis deklariert – bekommt Risse, die bis nach Salzburg reichen.

Vingegaard spielt verfolgerjagd mit sich selbst
Während Lipowitz und Evenepoel ihre kleine Psychoschlacht austragen, jagt Jonas Vingegaard sich selbst. Der 29-Jährige gewinnt die Etappe mit 1:27 Minuten Vorsprung auf Felix Gall. Es ist seine fünfte Erfolgsfahrt in diesem Jahr, die Statistik beginnt, sich nach seiner Richtung zu biegen. „Ich weiß, dass die Form da ist. Aber so einen Vorsprung hier erwartet man nicht“, sagt er in sein Mikro, das zwischen Daumen und Zeigefinger klemmt. Die Frage nach seinem Programm für Juli beantwortet er mit einem Achselzucken: „Wenn der Körper so weiterspricht, warum nicht auch der doppelte Versuch?“
Die Antwort kommt am Samstag. Die 6. Etappe führt über 158,2 Kilometer von Berga zum Santuari de Queralt – noch länger, noch mehr Höhenmeter, noch mehr Drama. Lipowitz will den Rückstand auf Vingegaard halbieren, Evenepoel muss attackieren, sonst droht die Kapitänsfrage, bevor die Tour startet. Die Uhr tickt. Barcelona wartet. Und die Alpen sowieso.
