Lindsey vonn lag am op-tisch, als die spritzen versagten

Der Schrei ging durch die Halle. Im CT lagen fünf Wirbel und ein Schienbein in Trikonsorten, und kein Opiat reagierte mehr. Lindsey Vonn erinnert sich stundenlang an diesen Moment, weil er ihr Gehirn wie mit Klorix ausgewaschen hat.

Die narkose kippte mitten in der diagnose

Tom Hackett, Chefarzt am Steadman-Hawkins-Klinikum, redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Wir haben Fentanyl, Morphin, Oxycodon gestapelt – nichts hat gezogen. Der Druck im Muskelraum stieg um 70 Millimeter Quecksilber, das Kompartmentsyndrom war fünf Minuten von Ganganhalt entfernt.“ Vonn lag auf der Trage, konnte die Skischuhe nicht abstreifen, weil das Schienbein in drei Bruchstücke gesprungen war und die Bindung blockierte. „Ich habe meine Stimme verloren, aber die Schmerzen haben geschrien“, sagt sie heute, 42 Tage später, mit einem Lächeln, das eigentlich keines ist.

Die US-Amerikanerin war auf Kurs Richtung fünfte Olympia-Medaille, als sie im oberen Abschnitt der Rosa Khutor-Piste abkam. Was folgte, war kein klassischer Sturz, sondern eine Rotor-Sequenz: 72 km/h, 3,5-fache Gewichtskraft, Aufprall auf der Innenkante, Unterschenkel dreht sich 45 Grad nach außen. Die Skispitze hakte im harten Schnee ein, das Bein blieb, der Körper flog. „Mein erster Gedanke: Die Zeit läuft, ich muss weiter. Dann sah ich das Knochenpuzzle“, sagt Vonn.

Fünf operationen in neun tagen

Fünf operationen in neun tagen

Hackett musste fasziotomieren – also die Muskelhüllen aufschlitzen –, um den Druck abzubauen. Drei Tage später folgte die Titan-Nagel-Osteosynthese, dann ein Hauttransplantat, weil die Haut unter dem Gips abstarb. Insgesamt 247 Nähte zählt die 41-Jährige an ihrem linken Unterschenkel, sie nennt das Bein „mein Patchwork-Projekt“. Die Narbe sieht aus wie eine abstrakte Landkarte, auf der man die Route ihrer Karriere nachzeichnen kann: Start in Burnsville, Minnesota, Ziel noch offen.

Die Vanity-Fair-Coverstory zeigt sie im Abendkleid, Pflaster halten die Wunde geschlossen. Das Bild wirkt wie ein Konter zur Siegerpose von 2010, als sie in Vancouver mit lässigem Dreitagebart Gold holte. Jetzt sitzt sie im Rollstuhl, kann aber schon 70 Prozent der Last auf dem Bein tragen. „Ich war die Nummer eins der Welt und dann auf einmal bettlägerig. Die Ironie: Mein Körper war mein Kapital, und er ist mir um 3,2 Millimeter auseinandergebrochen“, sagt sie und tippt auf die Stelle, wo die Frakturspalte verläuft.

Comeback? sie schließt nichts aus

Comeback? sie schließt nichts aus

Hackett warnt vor zu frühem Enthusiasmus: „Das Risiko für ein erneutes Kompartmentsyndrom bleibt lebenslang erhöht.“ Dennoch trainiert Vonn zweimal täglich auf dem Antigravitationslaufband, stemmt 80 Kilo Beinpresse, schwimmt 3.000 Meter kraul. Ihr Ziel: Ende Mai erste Slalom-Schwingen auf dem Gletscher in Sölden. „Ich will keine Tür zumachen, weil man nie weiß, was noch passiert. Meine Karriere soll nicht in einem CT-Raum enden, sondern zwischen den Toren“, sagt sie. Die Zeit läuft – und diesmal rennt sie ihr davon, nicht umgekehrt.