Lindsey vonn: „ich warte immer noch auf meine olympia-story – die ohne happy end“

Lindsey Vonn sitzt in einem Hotel in Los Angeles, das rechte Bein noch in Orthese, das linke in einer Schiene aus Titan. „Ich habe das Gefühl, meine Olympia-Teilnahme läuft noch – nur ohne Zeitnahme und ohne Ziel“, sagt sie. Drei Monate nach dem Horror-Sturz in Cortina, bei dem sie sich eine offene Unterschenkelfraktur, eine Tibiaplateau-Fraktur und einen Sprunggelenksbruch zuzog, spricht die 41-Jährige erstmals offen über die Millimeter, die ihre Karriere von ihrer Existenz trennten.

Die fünfte operation ist erst der anfang

Die Statistik klingt wie ein Befund aus einem Alptraum: fünf Operationen bisher, eine sechste angekündigt, drei Wochen Klinik, zwei in Italien, eine in Colorado, ein Kompartmentsyndrom, das die Ärzte nur durch eine Fasziotomie stoppen konnten. „Sie haben mir das Bein aufgeschnitten, um es zu retten“, sagt Vonn, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Ärzte haben ihr verboten, vor 2027 über Belastung nachzudenken. Doch sie redet nicht von Rente. Sie redet von Schritten. „Erst wieder laufen, dann sehen wir weiter.“

Die Zahlen ihrer Laufbahn haben etwas Unanfechtbares: 84 Weltcup-Siege, 145 Podestplätze, vier Gesamtweltcupsiege, zwei Olympia-Medaillen. Doch in diesem Moment zählt nur eine Zahl: 3. Das sind die Kilogramm Metall, die in ihrem linken Bein stecken. „Ich bin ein cyborgisiertes Sportmuseum“, scherzt sie, doch der Humor klingt, als würde er wehtun.

Der crash, der nie passieren durfte

Der crash, der nie passieren durfte

8. Februar, 11:23 Uhr, Pista Rumerlo. Vonn nimmt die letzte Kurve vor dem Ziel von der Trainingsstrecke, ein harmloser Schwung bei 65 km/h. Dann rast ein Schatten ins Bild, ein Eisblock, ein versteckter Felsen – Details, die sich in ihrer Erinnerung überlagern. „Ich weiß nur: Ich hörte das Knacken, bevor ich den Schmerz spürte.“ Die Aufnahme des Sturzes wurde nie ausgestrahlt. Zu brutal, zu eindeutig. „Mein Bein bog sich wie ein Lineal, das jemand in der Mitte durchbricht.“

Was folgte, war kein Rennen gegen die Uhr, sondern gegen den Amputationsverdacht. Die italienischen Notärzte wollten die Extremität zunächst nicht retten. Erst der Einsatz eines US-Militärhubschraubers, der sie nach Innsbruck flog, entschied über Bein oder Prothese. „Ich habe den Piloten nie gesehen, aber ich weiß, dass er mein Leben gerettet hat“, sagt Vonn. Seitdem trägt sie ein Tattoo mit den Koordinaten des Landeplatzes.

Kein abschied, nur eine zäsur

Kein abschied, nur eine zäsur

In Los Angeles wirbt sie für eine Sportmarke, die sie seit Jahren begleitet. Die Veranstalter haben Stühlerücken an die Wand montiert, damit sie das Bein horizontal lagern kann. Zwischen zwei Interviews schluckt sie Schmerztabletten. „Ich habe keine Zeit, mich zu erholen“, sagt sie. „Ich habe Zeit, um wieder leben zu lernen.“

Die Frage nach einem Comeback beantwortet sie mit einem Blick, als hätte man gefragt, ob sie zum Mars fliegen will. „Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder Ski fahren werde. Aber ich weiß, dass ich nicht aufhören werde, Sportlerin zu sein.“ Ihre Stimme wird leiser. „Der Körper kann brechen, der Wille nicht.“

Beim Verlassen des Hotels stützt sie sich auf eine Carbon-Mobilhilfe, die wie ein futuristisches Ski-Stock-Gebilde aussieht. Ein Fan ruft: „Wir warten auf dich in Lake Louise!“ Vonn dreht sich um, lächelt kurz. „Ich auch“, sagt sie. Dann fährt sie davon – mit Tempo 5, aber vorwärts. Die Uhr tickt nicht mehr. Sie läuft wieder.