Lindsey vonn bangt noch um ihr olympia-finale: „ich warte immer noch auf meine zweite chance“

Lindsey Vonn sitzt in Los Angeles, das linke Bein noch in Orthese, und spricht über ein Rennen, das nie stattfand. „In gewisser Weise warte ich immer noch auf meine Olympiateilnahme – die ich nie beenden durfte“, sagt die 41-Jährige. Der Satz klingt wie ein Echo aus einem Traum, der mitten im Fieber endete.

Fünf operationen, ein offenes bein – und kein ende in sicht

Am 8. Februar raste sie im Super-G von Cortina im Streiflicht der Fackel davon, dann knallte sie gegen die Netze. Die Diagnose liest sich wie ein Kataster: offene Fraktur des linken Schienbeinkopfs, Tibiaplateau-Spaltfraktur, rechter Sprunggelenksbruch. Fünf Mal lag sie seitdem auf dem Tisch, die sechste Operation steht an. Ein Kompartmentsyndrom zwang die Ärzte zur Fasziotomie – ein Schnitt, um das Bein zu retten. Drei Wochen Intensivstation, zwei in Italien, eine in Colorado. Nächster Stopp: Reha bis 2027.

Doch Vonn redet nicht vom Aufhören. „Erst heilen, dann sehen wir weiter“, sagt sie und streicht sich eine Strähne aus der Stirn, als wäre das die kleinste Bewegung der Welt. Dabei kann sie noch nicht einmal ihr eigenes Gewicht tragen.

84 Weltcupsiege zählen nicht, wenn das ziel ein krankenbett ist

84 Weltcupsiege zählen nicht, wenn das ziel ein krankenbett ist

Die Bilanz des größten US-Skirennläufers aller Zeiten? 82 Siege, 145 Podeste, vier Gesamtweltcupsiege, Olympiagold 2010, Prinzessin-von-Asturien-Preis, Laureus-Botschafterin. Kein Trost, wenn das linke Bein von außen nach innen taub ist. „Die Zahlen sind nur Ziffern. Was zählt, ist, ob ich wieder laufen kann – ohne Stock, ohne Schmerz“, sagt sie leise.

Bei dem Promo-Event in LA schaut sie zwischen den Fragen immer wieder nach unten, als würde sie prüfen, ob das Bein noch da ist. Es ist da. Es schmerzt. Es lebt.

Die einzige konstante: der blick nach vorn

Die einzige konstante: der blick nach vorn

Vonns Mannschaft schickt tägliche Videos aus dem Trainingsraum. Sie selbst sitzt im Rollstuhl, umrundet die Küche, liest Biomechanik-Paper. „Ich habe gelernt, dass der Körper ein Rätsel ist, das man nie ganz löst“, sagt sie und lacht – ein Lachen, das sich anhört wie ein kleiner Sieg. „Aber ich kann das Ende des Tunnels sehen. Es ist nur ein sehr langer Tunnel.“

2027 ist kein Datum, sondern eine Wette. Wenn alles gut läuft, darf sie wieder gehen. Wenn nicht, bleibt sie sitzen – und wird trotzdem weitermachen. „Das Leben ist lang“, sagt Vonn und blickt zum Fenster hinaus, wo über Los Angeles die Sonnenglut hängt. „Ich habe noch Rennen zu fahren. Vielleicht nicht auf Schnee. Aber ich werde ankommen.“