Lillehammer wird zur schicksalsfalle: odermatt gegen braathen, shiffrin gegen aicher – wer packt die kugel?

48 Punkte. So viel trennt den Schweizer Giganten Marco Odermatt von Lucas Braathen vor dem letzten Riesenslalom des Winters in Lillehammer. Das klingt nach Polster, ist in Wahrheit ein Seilakt über dem Abgrund. Ein Sturz, ein Fahrfehler, ein Hauch zu spät – und die Kristallkugel rutscht weg wie Seife in der Dusche.

Odermatt spürt den atem von braathen im nacken

Der 26-jährige Schweizer hat in dieser Saison schon alles gewonnen, nur nicht unter Druck gehandelt. Jetzt sagt er offen: „Die Lage ist neu für mich. Die Kugeln hatte ich sonst immer früher sicher.“ Das ist kein Rundumschlag, sondern ein Eingeständnis. Braathen ist seit vier Rennen ungeschlagen auf dem Podest, zuletzt fuhr der Norweger in Kranjska Gora sogar mit Startnummer 1 zum Sieg. Loïc Meillard lauert als dritter im Bunde nur 85 Zähler hinter Odermatt. Ein Blackout genügt, und das Tableau kippt.

Die Startliste ist ein Pulverfass. Die Piste in Lillehammer ist steil, technisch, verzeiht keine Schwäche. Die erste Durchfahrt beginnt um 9.30 Uhr – wer hier zu vorsichtig auftritt, verliert drei Zehntel, die er im zweiten Lauf nicht mehr aufholt. Odermatt muss angreifen, aber nur so weit, dass er nicht in die Netze von Braathen rast. Ein Schachspiel mit 80 Stundenkilometern.

Shiffrin kann aicher im slalom schon vor dem finale abhängen

Shiffrin kann aicher im slalom schon vor dem finale abhängen

Während die Männer um die Kugel zittern, könnte Mikaela Shiffrin schon vor dem morgigen Riesenslalom alles klar machen. 45 Punkte Vorsprung auf Emma Aicher, neun Slalom-Siege in Folge – nur Petra Vlhová konnte sie einmal schlagen. Der Slalom in Lillehammer beginnt um 10.30 Uhr, und Shiffrin ist auf dem Papier die Favoritin. Doch Papier ist bekanntlich geduldig. Aicher fuhr in diesem Winter zwei Slalom-Podestplätze, ihre Technik auf hartem Eis ist gewachsen. Sollte Shiffrin aussteigen oder länger als Rang fünf landen, bleibt die Entscheidung offen bis zum letzten Riesenslalom am Sonntag.

Die Deutsche musste im Super-G als Vierte zusehen, wie Sofia Goggia vorbeischoss. Drei Zehntel fehlten. Genau die, die jetzt zwischen ihr und dem Traum von der großen Kugel liegen. „Ich brauche ein kleines Wunder“, sagt Aicher – und meint damit nicht göttliches Eingreifen, sondern zwei perfekte Läufe.

Die letzten rennen sind kein fest, sondern ein endspiel

Die letzten rennen sind kein fest, sondern ein endspiel

Lillehammer ist kein Klassiker wie Kitzbühel oder Wengen. Die Tribünen sind kleiner, dafür steht mehr auf dem Spiel. Wer hier gewinnt, trägt nicht nur eine Trophäe nach Hause, sondern schreibt sich in die ewige Rangliste ein. Eurosport und das ZDF übertragen live, DAZN zeigt jeden Schwung in 50 FPS. Wer nicht zuschaut, verpasst den Moment, in dem sich ein Winter in Sekundenbruchteilen entscheidet.

Um 12.30 Uhr steht der Sieger der Männer fest, um 13.30 Uhr jener der Frauen. Dann wissen wir, ob Odermatt seine Dominanz unterschreibt oder Braathen die Sensation schafft. Ob Shiffrin die fünfte Gesamtweltcup-Kugel holt oder Aicher das deutsche Ski-Jahr perfekt macht. Eines ist sicher: Am Ende werden Tränen fließen – nur ob vor Glück oder Frust, entscheidet sich zwischen den Torstangen von Lillehammer.