Lesser warnt leipziger spitzensport-agentur: „kein weiteres trial-and-error“

Erik Lesser redet klartext. Der Ex-Biathlon-Weltmeister und ARD-Experte sieht die geplante Spitzensport-Agentur in Leipzig gelassen, aber nicht euphorisch. „Ich hoffe, dass das Geld da nicht nur verbrannt wird“, sagte er am Montag im Gespräch mit MDR AKTUELL. Der Thüringer verlangt: Entscheidungen müssen wissenschaftlich fundiert sein und von Leuten kommen, „die wirklich Ahnung haben“.

Die Kritik ist mehr als ein Seitenhieb. Nach dem Desaster von Olympia 2026 – zwölf deutsche Goldmedaillen, der schlechteste Wert seit der Wiedervereinigung – wird jeder Cent genau unter die Lupe genommen. Lesser will keine weiteren Experimente: „Ein weiteres Trial-and-Error können wir uns nicht leisten.“

„Wir verlieren zu viele kinder auf dem weg“

Doch der 35-Jährige macht nicht einfach nur mobil gegen das neue Projekt. Er zeigt auf, wo der Haken liegt: Die Basis bröckelt. „Wir bekommen zu wenige Kinder in den Nachwuchs, die Sportstätten sind marode, die Vereine überlastet.“ Seine Lösung klingt einfach, ist aber politisch brisant: Breitensport und Spitzensport müssen endlich als eins gedacht werden.

„Wenn ein Kind in der Kita merkt, dass Bewegung Spaß macht, kommt es ins Vereinstraining. Und vielleicht steht es eines Tages auf dem Podest“, sagt Lesser. Damit das klappt, brauche es flächendeckend bessere Ausstattung für Schulen, Kindergärten und lokale Trainingszentren – und zwar vor der nächsten Förderstaffel für Spitzenathleten.

Der Zeitplan ist eng. Die Agentur soll 2027 starten, das Budget steht noch nicht endgültig. Wer das Ruder übernimmt, ist ebenfalls offen. Lesser fordert ein klares Bekenntnis: „Entweder wir investieren jetzt richtig – oder wir müssen uns in Paris 2028 wieder mit Platz sieben im Medaillenspiegel zufriedengeben.“

Leipzig wird zur schaltzentrale – und zum prüfstein

Leipzig wird zur schaltzentrale – und zum prüfstein

Die Stadt am Weißen Elster bekam den Zuschlag, weil sie bereits Sportwissenschaftler, das Internationale Olympic College und das Deutsche Institut für Sportmarketing beherbergt. Doch Papier ist geduldet. Lesser warnt: „Standort allein reicht nicht. Es muss eine Kultur des Hinterfragens entstehen: Was bringt welche Maßnahme, wie lässt sich Erfolg messen, wer trägt die Verantwortung?“

Ein Beispiel liefert er gleich mit: „Wenn wir 500 000 Euro in ein Hochdrucklabor stecken, wollen wir sehen, wie viele Zehntel Sekunden schneller unser Rennrodler auf der Bahn ist. Keine schöne Grafik, keine Gutmenschen-Argumente – harte Daten.“

Die Athleten selbst, so sein Eindruck, hätten mittlerweile „Olympia-Müdigkeit“ gespürt. Viele gaben nach ihren Wettkämpfen offen zu, die mentale Last überwiege. „Wir müssen ihnen Werkzeuge an die Hand geben, nicht nur Physiotherapeuten und Eisbadewannen“, sagt Lesser. Auch das sei Aufgabe der neuen Agentur.

Am Ende bleibt ein Satz hängen, der klingt, als wäre er direkt ins Portemonnaie der Entscheider gezielt: „Wer heute spart, zahlt morgen doppelt – nur dass dann niemand mehr auf dem Podest steht.“