Poker-coach: warum profis jetzt auch den kopf trainieren lassen
Lorenzo Arduini hat es wieder getan. Der 28-jährige Bologneser schob gestern Nacht im King's Resort Rozvadov 1.423.000 Chips über die Filzlinie, lächelte wie ein Halbstarter, der gerade die Matura mit Auszeichnung bestanden hat. Was keiner ahnte: Hinter dem Sieg steckt kein Glück, sondern ein Coach. Seit drei Monaten arbeitet Arduini mit Giorgio Sigon, einem ehemaligen Online-Highroller, der seine Handhistories zerlegt wie ein Fitnesstrainer Muskelgruppen.
Der mythos vom einsamen genie ist tot
„Früher hab ich mir gedacht: Poker ist Intuition, Rumhuren am Flop, bis der Gegner kollabiert“, sagt Arduini und schiebt die Sonnenbrille in die Haare. „Dann kam Giorgio und zeigte mir, dass mein 3-Bet-Range gegen Cutoff-Opens 14 Prozent zu tight war. Die Zahlen haben mich kalt erwischt.“ Die Session kostet 120 Euro pro Stunde, dafür bekommt Arduini Excel-Tabellen voller Farbcodes, Push-Fold-Charts und eine WhatsApp-Gruppe, in der Sigon innerhalb von Minuten Antwort gibt, wenn sein Schützling mitten im Turnier sitzt und nicht weiß, ob er mit 15 Big Blinds vom Button all-in gehen soll.
Die Rechnung geht auf. Seit dem Coaching hat Arduini 38 Turniere gespielt, 21 Mal das Geld erreicht, dreimal gewonnen. Seine ROI – Return on Investment – liegt bei 34 Prozent. „Das ist mehr, als mein ETF-Depot dieses Jahr gemacht hat“, lacht er. Die Community diskutiert nicht mehr, ob Coaching Sinn macht, sondern wen man bucht. Italiens größte Pokerseite listet inzwischen 47 Profile, darunter Ex-EPT-Champion Simone Speranza, der seine Stunden für 250 Euro verkauft und trotzdem ausgebucht ist.
Wenn mathematik die emotion erstickt
Sigon sitzt in einem Co-Working-Space in Mailand, drei Monitore glühen. Auf dem Hauptscreen läuft PioSolver, eine Software, die jeden Node des Spielbaums durchrechnet. „Die meisten Spieler denken in Narrativen: ‚Er hat mich letzte Runde geblufft, also call ich jetzt.‘ Wir ersetzen das durch Frequenzen“, sagt er und klickt eine Hand auf, in der Arduini mit König-Sechs suited vom Big Blind defendete. Die Simulation spuckt aus: Fold in 72 Prozent der Fälle, Call in 18, Raise in 10. „Wenn du diese Zahlen nicht kennst, bist du ein Zocker. Wenn du sie kennst, bist du ein Sportler.“
Die Verbände zögern noch. Die Italian Poker Sport Federation erkennt Coaching-Stunden nicht als Trainingsleistung an, die CONI – das olympische Komitee – lässt Poker weiterhin außen vor. Doch die Zahlen lügen nicht: 1.300 eingetragene Turniere allein in Italien, Preisgelder von 38 Millionen Euro 2023, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Und laut einer Umfrage der Universität Padua haben 61 Prozent der regelmäßigen Turnierteilnehmer mindestens einmal bezahlte Analyse genutzt.
Arduini fährt heute nach Hause, schuldenfrei, mit 42.000 Euro Gewinn auf dem Konto. „Das ist kein Hobby mehr, das ist mein Job. Und jeder ernsthafte Athlet holt sich einen Coach.“ Er schaltet sein Handy aus, stellt den Wecker auf 07:00 Uhr. Morgen geht’s in die Pokercode-Academy nach Ljubljana. Keine Parties, keine Ablenkung. Stattdessen: Range vs. Range, GTO vs. Exploit, 200 Hände Review. Wer dann noch glaubt, Poker sei Glücksspiel, hat einfach den falschen Trainer.
