Lahm zieht die bremse: kein undav-tipp, aber klare wm-messlatte

Philipp Lahm spricht nicht mit. Drei Monate vor dem Eröffnungspfiff in Los Angeles verweigert der WM-Kapitän von 2014 jeden konkreten Mannschaftsrat an Julian Nagelsmann – und setzt stattdessen eine Zielmarke, die selbst Optimisten schlucken lässt.

„Wir müssen mindestens ins Halbfinale, alles andere wäre ein Rückschritt“, sagte Lahm beim Sepp-Herberger-Kolloquium in Frankfurt. Mit diesen Worten bündelt er die Erwartungshaltung eines ganzen Landes, das sich nach drei verkorksten Turnieren endlich wieder mit Titeln schmücken will. Die Route dorthin? Nagelsmanns Sache. „Wer mitfährt, entscheidet der Bundestrainer – Punkt. Wenn sich jeder einmischt, läuft etwas falsch.“

Undav bleibt nagelsmanns rätsel – lahm schützt die kompetenzlinie

Deniz Undav schoss sich in die Debatte, nicht in den DFB-Kanal. 18 Bundesliga-Tore, null Kontakt zum Bundestrainer – das liest sich wie ein modernes Märchen, in dem der Held nicht weiß, ob er zur Gala eingeladen wird. Lahm winkt ab: „Er trifft, er weiß, wo das Tor steht. Mehr muss man dazu nicht sagen.“ Die Entscheidung fällt am Donnerstag, wenn Nagelsmann seinen Kader für die Testspiele gegen die Schweiz und Ghana nominiert. Lahm wird nicht vor- oder umschiffen. Er schützt die Kompetenzlinie, die der Verband nach den Löw- und Flick-Jahren endlich wieder hochziehen will.

Dahinter steckt ein Kalkül: Je weniger externe Stimmen durchs Hauptquartier schallen, desto klarer kann die interne DNA wieder durchkommen. Lahm erinnert sich an 2014, als die Mannschaft sich in Campo Bahia abschottete und kurz darauf den Pokar mit nach Berlin nahm. „Wir brauchen dieselbe Geschlossenheit, dieselbe verbale Härte – und fünf, sechs Spieler, die Verantwortung übernehmen, wenn der Gegner drückt.“

„Elfmeter-kader“ statt „event-team“: lahms forderung nach profil

„Elfmeter-kader“ statt „event-team“: lahms forderung nach profil

Die Nationalmannschaft, so Lahm, dürfe sich nicht länger als Event-Team verstehen, das zwischendurch mal Fußball spielt. Er spricht von einem „Elfmeter-Kader“ – gemeint ist eine Gruppe, die auch dann noch zusammensteht, wenn der Gegner in der 118. Minute einen Foulelfmeter bekommt. „Wir hatten 2021 gegen England in Wembley diese Situation. Da fehlte uns die innere Härte. Das darf 2026 nicht wieder passieren.“

Die Zeit ist knapp. In 90 Tagen fliegt die Mannschaft nach Dallas, um im Gruppenspiel gegen Mexiko den ersten Dreier zu holen. Lahm glaubt fest daran, dass Nagelsmann die richtige Mischung findet. „Ich bin hundertprozentig sicher, dass wir einen starken Kader schicken. Aber stark reicht nicht. Wir müssen wieder zu einer Fußballnation werden, die in der Lage ist, das Spiel zu kontrollieren, wenn der Gegner tobt.“

Er selbst wird in den USA wieder als ARD-Experte am Mikrofon sitzen. Ob er dabei Undav als Joker sieht oder nicht, wird seine Privatmeinung bleiben. Die öffentliche Botschaft ist klar: Nagelsmann muss die Mannschaft finden, die bereit ist, mindestens bis ins Halbfinale durchzupusten. Alles andere wäre ein neues Kapitel der Enttäuschung – und diesmal wäre es ein Riesenbuch.