Tauziehen: wenn vier zentimeter über sieg oder niederfall entscheiden

Theresa Schwegler presst die Stiefel ins Gras, spannt das Hanfseil zwischen den Schulterblättern und zieht. Kein Heben, kein Sich-zurücklehnen – nur reine Spannung, die in die Knöchel kracht. In diesem Moment zählt jeder Zentimeter. Die 28-Jährige ist Deutschlands erfolgreichste Tauzieherin, doch das weiß kaum jemand. Ihr Sport bleibt ein Geheimtipp, obwohl er älter ist als die Olympischen Spiele.

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Im Süden hat sich eine Szene etabliert, die sich nicht in Fitnessstudios versteckt, sondern auf Wiesen und Festplätzen. Mehr als 70 Vereine trainieren zwischen Schwarzwald und Bodensee nach Regeln, die sich seit 1900 nicht geändert haben. Kein Ball, keine Zeitnahme, nur Muskeln und Taktik. „Wir sind keine Show, wir sind ein Wettkampf“, sagt Schwegler. Sie spricht schnell, weil sie weiß, dass ihr Publikum meistens nur fünf Minuten bleibt – dann nämlich, wenn das Seil spannt.

Die Nennung „Kraftsport“ irritiert sie. „Kraft ist nur der Eintritt“, erklärt sie. Was folgt, ist ein abgestimmtes System aus Körperwinkeln, Gewichtsverlagerung und Pausen im Millisekundenbereich. Die größte Athletin steht vorne, schreitrhythmisch, fast tänzerisch. Die Leichteste hinten, als Anker, das Seil um die Hüfte gewickelt. Alles andere wäre Verschwendung. Ein Team wiegt exakt 640 Kilogramm – auf Gramm genau, sonst gibt es Protest.

Weltreise ohne cent: wie amateurinnen profi-gegner schlagen

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Seit 2017 trägt Schwegler das Deutsche Emblem auf der Brust, doch auf dem Konto steht kein Sponsorengeld. Flug nach Shanghai? Selbst bezahlt. Hotel in Cape Town? Gemeinsam gespart. Der Deutsche Ringer-Bund listet Tauziehen als „Randsportart“, folglich fließt kein Fördergeld. Die Folge: vier Trainingseinheiten pro Woche nach Feierabend, dazu Weekend-Turniere von April bis September. „Wir nehmen uns Urlaub, um zu siegen“, lacht sie, während sie Baumharz zwischen den Fingern verteilt – Kleber, der 4000 Jahre alt ist und trotzdem besser haftet als jeder moderne Grip.

Die Bilanz trotzdem: Vizeweltmeisterin 2018, Europacup-Siegerin 2022. In Schweden schlugen die Amateure aus dem Kraichgau schwedische Militärteams, die tagsüber Soldaten sind und nachts Seile ziehen. Die Chinesen, staatlich gefördert, verloren im Shanghai-Stadion vor 20 000 Zuschauern gegen acht deutsche Buchhalterinnen, Erzieherinnen und eine Industriekauffrau. „Die gucken erst, dann lachen sie – und am Ende stehen sie schmucklos da“, sagt Schwegler.

Verbotene handschuhe und heilende wunden: der preis des ziehens

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Kein Schutz für die Handinnenflächen. Handschuhe gelten als Schummeln, auch wenn die Seilfasern die Haut in schmale Rillen schneiden. Nach einem Wettkampf bluten die Unterarme, Baumharz und Gras kleben an den Wunden. „Das sind unsere Abzeichen“, sagt sie und zeigt Narben, die wie kleine Mondkrater wirken. Die umgebauten Hockeyschuhe mit Metallabsatz kosten 120 Euro, der breite Rückengurt 35 Euro. Mehr Ausstattung braucht niemand. Das macht den Sport so demokratisch – und so brutal.

Die Zuschauerzahl ist überschaubar, doch das stört sie nicht. „Wenn 50 Leute kommen und drei Tage bleiben, haben wir sie für immer“, sagt Schwegler. Sie will keine TV-Deals, sie will faire Bedingungen: ein eigenes Trainingszentrum, Reisekostenerstattung, vielleicht ein festes Jahresgehalt von 15 000 Euro. Dann könnte sie aufhören, nach dem Training noch Spätschicht zu fahren. Aktuell steht sie um 5.45 Uhr auf, arbeitet bei einer Logistikfirma, trainiert ab 19 Uhr. Wochenenden gehören dem Seil.

Beim Weltcup in Rottweil schaut der Bürgermeister vorbei, ein paar Vereinskollegen grillieren Würste, Kinder versuchen sich an einem Junior-Seil. Die Atmosphäre ist Dorffest und Leichtathletik-EM zugleich. Als das deutsche Frauenteam die Letzten zieht, knackt ein Seil, die Endglocke schlägt. 4:0 in Zügen. Schwegler atmet durch, wischt sich Harz und Schweiß an der Shorts ab. Sie weiß: In zwei Wochen geht’s nach Malaysia. Flug gebucht, Urlaub beantragt, Koffer steht bereit. Und das nächste Mal sind es vielleicht nicht nur vier Zentimeter, sondern der erste Weltmeister-Titel. Dafür lässt sie sich auch die letzte Haut abziehen. Keine Frage.