Ilja malinin bricht sein schweigen: «ich habe verstanden, wer ich bin»

Die Kufen glühen noch, die Eismilch von Mailand ist längst abgekratzt – doch die Nachhallwelle rollt weiter. Ilja Malinin, der Mann, der aus dem Vierfach-Axel ein TikTok-Make machte, spricht erstmals offen über den Absturz von Olympia und die Lektion, die ihn verändert hat.

Die nacht, in der der «quad god» stolperte

Am 14. Februar schauten 3,4 Millionen US-Zuschauer zu, wie der 21-Jährige statt Gold lieber die Eisfläche küsste. Drei gefallene Quads, Platz fünf – ein Desaster im Live-Format. «Es fühlte sich an, als hätte jemand den Stecker gezogen», sagt er im Gespräch mit Ex-Weltklasse-Läufer Daniel Weiss in Zürich. «Ich war körperlich bereit für das einfachste Programm meines Lebens. Dann kam der Sprung – und plötzlich war nichts mehr einfach.»

Die Sturz-Highlights gingen viral, doch das Netz reagierte mit Kuschel- statt Häme. Tom Brady schickte eine Sprachnachricht, Simone Biles ein Herz-Emoji. «Promis, die ich nur aus Spielekonsole kenne, schrieben: ›Du bist immer noch der Beste‹», lacht Malinin. «Ich dachte: Okay, vielleicht ist das hier größer als eine Medaille.»

Markenname als fessel – und als antrieb

Markenname als fessel – und als antrieb

Den Spitznamen «Quad God» hatte er sich selbst verpasst, lange bevor er alle fünf Vierfachsprünge beherrschte. Nach Mailand zweifelte er kurz an der Eigenmarke. «Aber dann habe ich realisiert: Der Name ist kein Druck, er ist ein Versprechen an mich selbst, jeden Tag ein Stück höher zu springen.»

Malinin trainiert bereits in einem geheimen Einkaufscenter-Keller nahe Washington D.C. an einem fünffachen Toe Loop. Kein Scherz. Sportwissenschaftler der University of Delaware bestätigen, dass die Rotationsgeschwindigkeit theoretisch reicht – das Problem ist nur die Landung auf einem Blatt Papier, das man Eis nennt.

Der plan: jugend statt ballett-tutu

Der plan: jugend statt ballett-tutu

Die ISU diskutiert, die Sprungpunkte zu kappen und die Kür wieder zur Tanz- Galerie zu machen. Malinin findet die Debatte «halbgar». Sein Gegenentwurf: «Bewerte Choreo höher, aber lass die Sprünge leben. Warum nicht Streetdance auf 4-Millimeter-Kufen?» Beobachter wissen: Genau das probiert er seit Wochen mit TikTok-Choreografen aus LA – Backflip-Einlagen inklusive.

Bei der Show «Art on Ice» in Zürich ließ er jetzt erstmals einen Rückwärtssalto folgen – die Eishalle tobte, die Jury zuckte mit den Schultern. «Wenn die Jugend dafür auf die Tribüne kommt, ist mir die 6,0 egal», sagt er.

Mama schaut nicht, papa tut so

Mama schaut nicht, papa tut so

Ein Detail bleibt menschlich: Tatjana Malinina, einst Eiskunstläuferin für Usbekistan, sitzt nie im Stadion. «Sie wäre noch nervöser als ich», gesteht er. Papa Roman, Ex-Olympionike, quetscht die Handynarbe in der Jackentasche. «Cool wirkt er nur außen. Drinnen kocht sein Herz bei jedem Absprung.»

Die Weltmeisterschaft Ende März in Boston rückt näher. Malinin will kein neues Programm, nur neue Konstanz. «Ich werde die gleichen Sprünge machen, nur diesmal mit geschlossenen Augen und offenem Herzen», sagt er und grinst. «Okay, nicht wortwörtlich geschlossen – sonst sehe ich die Landung nicht.»

Die Gold-Kette aus Mailand liegt im Koffer seines Bruders. «Sie erinnert mich daran, dass der größte Sieg manchmal der ist, der nicht auf dem Podest steht.»