Küngs frühling ist gebrochen – der mann, der auf klassiker lebt, muss zusehen

Stefan Küng liegt flach. Nicht im Graupel von Flandern, sondern auf seiner Couch in der Schweiz. Der Oberschenkel links ist mit Titan versteift, das Frühjahr mit Tränen. «Das ist eine harte Pille», sagt er, und man hört, wie sehr ihm das Schlucken schmeckt.

Der Sturz in der Omloop Het Nieuwsblad war kein Spektakel, keine Heldentat. Er rutschte auf nacktem Pflaster weg, 50 km vor dem Ziel, auf einer Stelle, die kein Fahrer sich merkt. «Es ging schnell, zu schnell. Auf einmal lag ich da. Kein Warnschuss, kein Vorhang», erzählt er dem SRF. Der gebrochene Oberschenkel wirft ihn zwölf Wochen zurück – und die ganze Klassiker-Saison aus dem Kalender.

Kein frühling für den mann, der frühling heißt

Kein frühling für den mann, der frühling heißt

Küng, zweimal Europameister gegen die Uhr, ist kein Rennfahrer, der auf Sommer wartet. Er lebt für die ersten Schneegestöber, für das Rumpeln der Kopfsteinpflaster, für die Nässe, die sich durch Trikot und Seele friert. «Ich lebe für den Frühling», sagt er, und klingt, als spräche er von einer Beziehung, die ihm jemand entrissen hat.

Nun sitzt er in einem frischen Tudor-Trikot, das er noch nicht einmal schmutzig machen darf. Nach sieben Jahren Groupama-FDJ die neue Heimat, doch die Premiere verpasst er. Statt über Hügelkämme sprintet er vom Sofa zur Küche, an Stöcken, mit Blick auf den Kalender, der sich täglich eine neue weiße Seite schenkt.

Die WM in Montreal, Ende September, ist das neue Ziel. Drei Monate, bis er wieder 100 Prozent ist. «Ich will nicht nur fahren, ich will dort oben sein», sagt er. Kein Training auf Rollen, sondern auf Geduld. Die WM ist sein neues Flandern, seine neue Hölle, sein neues Finale. Bis dahin bleibt nur die Couch, das Titanbein und das flache Land der Träume.