Wück schickt die männer zum frauenfußball: „lernt endlich, was normalität heißt“
Christian Dobrick hat es gewagt, Christian Wück fordert die Bundesliga folgt. Nach dem Coming-out des U19-Trainers von St. Pauli schlägt der Frauen-Bundestrainer den Männern vor, einfach mal auf die anderen Tribünen zu schauen. Dort sei Homosexualität längst kein Aufreger mehr. Dort sei sie: normal.
Der frauenfußball lacht über die männer-debatte
„Bei den Frauen ist es ganz normal“, sagt Wück im Kreis von Journalisten auf dem DFB-Campus. Der Satz klingt wie ein Seitenhieb, ist aber ein Fakt. Während Dobricks Offenbarung bundesweit Schlagzeilen erzeugt, würde ein ähnliches Outing in der Frauen-Bundesliga höchstens ein müdes Gähnen auslösen. Keine Hetze, keine Hassmails, keine Sorge um Sponsoren. Einfach Fußball.
Der 52-Jährige spricht ruhig, aber deutlich. Er kennt beide Welten. Er weiß, dass sein Team seit Jahren mit offenen Leben trainiert, während auf der anderen Seite des Campus noch immer darüber diskutiert wird, ob ein Schwuler im Profikabine aushalten kann. „Am Anfang ist es immer schwer“, räumt Wück ein. „Aber irgendwann muss der Punkt kommen, an dem wir aufhören, Coming-outs als Spektakel zu feiern.“

Nagelsmann nennt das, was wück meint, „normalität“
Julian Nagelsmann hatte nur wenige Stunden zuvor dasselbe Thema aufgegriffen. „Es ist etwas Normales“, sagte der Bundestrainer bei RTL/ntv. Dann legte er nach: „In der Gesellschaft ist Homosexualität verankert, im Fußball dauert es noch.“ Die Wartezeit nennt er „nicht richtig“. Er spricht von „mutigen Menschen“, die den ersten Schritt wagen. Doch das Wort „mutig“ ist hier der Haken: Warum braucht es überhaupt Mut, sich selbst zu sein?
Die Antwort liefert die Statistik. Kein einziger aktive Bundesligaspieler hat sich bis heute geoutet. Dobrick ist Jugendtrainer, sein Arbeitsplatz liegt hinter der Bande. Die wirkliche Provokation wäre ein Profi, der nach einem Sonntagsspiel mit seinem Partner auf dem Rasen posiert. Solange das Undenkbare bleibt, bleibt auch die Debatte.

Die lösung steht schon im stadion – nur auf der falschen seite
Wück macht keinen Hehl daraus, wo er die Antwort sieht: „Vielleicht müssen die Männer ein bisschen mehr von den Frauen lernen.“ Es klingt wie ein Lehrauftrag. Tatsächlich bietet der Frauenfußball seit Jahren ein Lehrstück in Sachen Diversität. Outings passieren mit der Selbstverständlichkeit von Taktik-Änderungen. Die FIFA verzeichnet 2025 mehr als 200 oute Spielerinnen in den Topligen weltweit. Bei den Männern: eine Handvoll, alle außerhalb Europas.
Der DFB plant Reaktionen: Sensibilisierungsprogramme, Diversity-Beauftragte, Regenbogen-Kampagnen. Doch Programme verpuffen, wenn das Umfeld kneift. Solange Ultras homosexuelle Beleidigungen skandieren, solange TV-Kommentatoren „schwul“ als Schimpfwort benutzen, solange Vereine Angst vor Werbeverlusten haben, bleibt Dobricks Outing eine Ausnahme. Und Ausnahmen bestätigen die Regel.
Die gute Nachricht: Die Regel kann man ändern. Wück hat den Fahrplan formuliert. Nagelsmann hat den Vorwurf erhoben. Nun liegt der Ball beim Verband, bei den Klubbossen, bei den Kapitänen. Die nächste Saison startet in 90 Tagen. Vielleicht reicht ja schon ein einziger Spieler, der sich traut. Dann wäre Dobrick nicht mehr der Mutige, sondern nur noch der Erste. Und das wäre tatsächlich normal.
