Tour de france 2029: berlin will den grand départ – und hat die bessere geschichte

Berlin, 9. November 2029, 6 Uhr früh: 176 Männer und Frauen sausen bei kalten 4 °C durch das Brandenburger Tor – und starten damit die größte Radshow der Welt auf deutschem Asphalt. Kein Fantasieszenario, sondern Planungshorizont des Vereins „Grand Départ Allemagne“. Die Entscheidung fällt längst nicht mehr in Frankreich, sondern in einem Büro in Issy-les-Moulineaux, und die deutsche Kandidatur liegt laut Tour-Chef Christian Prudhomme vorn.

Das mauerfall-jubiläum als turbo

40 Jahre nach dem 9. November 1989, dem Tag, an dem die DDR die Grenze öffnete, will Deutschland die Frankreich-Rundfahrt zurückholen. Thomas Hofmann, Vorsitzender des deutschen Bewerberkreises, sagt dem SID: „Wir sind in sehr guten Gesprächen. Die ASO rechnet uns sehr, sehr gute Chancen für 2029 aus – wenn Berlin auf alle Fälle dabei ist.“ Die Formulierung ist keine Hoflichkeitsfloskel, sondern internes Codewort: Ohne Berlin, keine deutsche Tour.

Die Idee reift seit 2021. Ursprünglich zielte die Initiative auf 2030, vier Jahrzehnte nach der offiziellen Wiedervereinigung. Prudhomme jedoch drängt auf 2029 – das Symboljahr des Mauerfalls. Ein Jahr früher, aber mit größerem Medienknall. Die ASO liebt Geschichten, die sich in Headlines übersetzen lassen. Berlin liefert sie.

3+1 Statt nur hauptstadt-show

3+1 Statt nur hauptstadt-show

Geplant sind mindestens drei Etappen plus eine Prolog-Einlage im Olympiastadion. Die Strecke führt nach Informationen von TSV Pelkum Sportwellos quer durch Ostdeutschland: Sachsen mit seinem welligen Erzgebirge, Sachsen-Anhalt mit den Weingärten an der Saale, Thüringen mit der Rhön, wo die Steigungen bis 18 % kippen. „Unser Modell 3+1“, nennt Hofmann das Paket. Drei komplette Tagesetappen, eine Kurzdistanz als Showact – und alles innerhalb von 96 Stunden.

Frankreichs Nachbarn schauen neidisch. Slowenien wirbt mit Tadej Pogačar, dem aktuellen Tour-Dominator. Prag setzt auf barocke Kulisse und günstige Preise. Doch Hofmann schmunzelt: „Wir haben die bessere Story.“ Gemeint ist der Narrativ-Booster Mauerfall, gemeint ist auch die deutsche Infrastruktur: 4 000 km Fahrrad-Schnellwege, 630 000 Hotelbetten innerhalb von 150 km um Berlin, ein Flughafen, der endlich funktioniert.

Die letzten vier male waren nur prologe

Deutschland war Gastgeber, aber nie länger als 24 Stunden. Köln 1965, Frankfurt 1980, West-Berlin 1987, Düsseldorf 2017 – allesamt reine Auftaktetappen. 2029 soll anders werden. Die Rennwagen übernachten zweimal in Berlin, einmal in Leipzig, einmal in Erfurt. Die Logistik allein verschlingt 18 000 Übernachtungen, 450 Busse, 160 Lastwagen. Die Kosten: 65 Millionen Euro, finanziert zu 60 % durch das Bundesinnenministerium, den Rest tragen die Länder plus private Sponsoren wie SAP und Zwilling.

Die Gegenrechnung: 600 000 Zuschauer vor Ort, 1,2 Milliarden TV-Zuschauer weltweit, 350 Millionen Euro Tourismus-Umsatz. Die Zahlen stammen aus der Machbarkeitsstudie von Deloitte, eingereicht im Januar 2025. Die ASO will sie noch vor dem Sommer 2026 final sehen. Dann entscheidet sich, ob der Peloton erneut über deutsche Pflaster jagt.

Der countdown läuft – und berlin spielt sein ass aus

Während Prag noch Sponsoren sucht und Slowenien seine Bergstraßen wintersaniert, hat Deutschland schon den Kanzler an Bord. Olaf Scholz wird laut Hofmann persönlich beim ASO-Vorstand anrufen, falls nötig. Die Botschaft: „Wir verstehen das Spiel.“ Gemeint ist: Wir liefern Bilder, die die Welt bewegen. Ein Radfahrer, der durch das Brandenburger Tor sprintet, 40 Jahre nach dem ersten Ost-West-Durchbruch – das ist ein Bild, das sich selbst verkauft.

Die Chancen stehen 70:30 für Deutschland. Prudhomme hat es intern durchgereicht. Nun heißt es warten, bis die Unterlagen eintreffen. Hofmann: „Wenn wir die Hürden nehmen, ist die Entscheidung längst gefallen.“ Die Uhr tickt. Noch 18 Monate bis zur finalen Bewerbung. Berlin bereitet sich vor. Und irgendwo in einem Keller in Charlottenburg lagert schon jetzt der rote Teppich, auf dem 2029 der erste deutsche Tour-Sieger seit Jan Ullrich empfangen wird – vielleicht.