Pisilli erobert rom: von der bank zum champions-lebenstraum

Ein 20-Jähriger, der vor zwei Monaten noch Edelreservist war, diktiert nun das Tempo der Roma. Niccolò Pisilli spielt sich in Serie A und Nationalelf so schnell in die Spitze, dass selbst Luciano Spalletti beim 2:0 über Juventus die Kinnlade runterklappte.

Der junge aus casal palocco trägt plötzlich ganz rom auf seinen schultern

Der junge aus casal palocco trägt plötzlich ganz rom auf seinen schultern

95 Prozent Passgenauigkeit, 13 Ballgewinne, fünf defensive Blocks – das waren keine Werte aus einem Computerspiel, sondern die Bilanz des Mittelfeldregisseurs am Sonntagabend im Olympico. Trainersuche nach dem verletzten Koné und dem Afrika-Cup-Abflug von El Aynaoui? Erledigt. Gasperini pulte Pisilli von der Ersatzbank und stellte ihn gegen die Alte Dame auf die 6. Seitdem spricht ganz Latium über den Neuen, der sich selbst nicht mehr stoppt.

Die Parallelen zu Marco Tardelli sind kein Medienhype. Roberto Mancini schleuderte den Vergleich schon 2018, als Pisilli noch mit der U19 telefonierte. Gasperini wiederholte ihn nach der Doppelpack-Show gegen Stuttgart im Januar. Wer den Jungen in der 78. Minute sprinten sieht, wie er zwischen zwei Juve-Pressinglinien den Ball herauspickt und sofort wieder vertikal spielt, erkennt die Antrittspower und die unbeirrte Laufarbeit des Europameisters von 1982.

Dabei begann die Saison für ihn mit dem Stempel „talentiert, aber noch nicht fertig“. Er saß neben den Eisfischern des Kaders, lernte von Pellegrini, Cristante und Mancini, schob sich aber nie in den Vordergrund. Die Verletztenmisere war sein Turbo. Seit dem 6. Januar in Lecce stand er fünfmal in der Startelf – und lieferte jedes Mal eine Steigerung. Gegen Genua am Wochenende will er vom erste Minute an auflaufen, diesmal gegen seinen Mentor Daniele De Rossi, der ihn im Winter nach Ligurien holen wollte.

Die Zahlen spiegeln eine Entwicklung, die sonst nur in Drehbüchern steht. Vier Jahre nach seinem Debüt im Europacup unter Mourinho im Dezember 2023, wo er gegen Sheriff Tiraspol das 3:0 besiegelte, ist Pisilli der italianische Impulsgeber einer Roma, die wieder nach Champions-League-Rang drei strebt. Seine Familiengeschichte liest sich wie ein Kapitel aus „Romolo e Remo“. Vater Ex-Tennisspieler, Bruder Fußballprofi, Partnerin Anastasia Conti – Enkeltochter von Bruno Conti, dem Legendenflügel der Roma von 1983.

Im Trainingslager in Trigoria nennen sie ihn „l’uragano biondo“, den blonden Orkan, weil seine Ballmitnahmen nach vorne immer schneller werden. Die Stimmung im Fanshop? Ein einziges Wort: „Pisilli-61“ ist seit drei Wochen ausverkauft. Die Kurve probte schon einen neuen Choral, der sich an der Melodie von „Volare“ orientiert und nur zwei Silben braucht: „Nico, Nico.“

Und weiter geht’s. In der Nations-League-Partie gegen Belgien hatte Spalletti ihn 61 Minuten auf der 8 laufen, gemeinsam mit Barella. Dort entstand schon die kleine Seelen-Fusion, die jetzt für das EM-Quali-Spiel in Belfast ins Gespräch kommt. Zwei Niccolòs im Mittelfeld – ein Gedanke, der Gattuso schmunzeln lässt, weil er damit Tempo und Ballsicherheit vereinen kann.

Die Roma steht vor elf Saison-Endspielen, Europa-League-Achtelfinale inklusive. Pisilli träumt laut von einem Titel, „am liebsten mit dieser Kurve und diesem Stadion“. Realistischer ist derzeit die Champions-League-Qualifikation. Die Tabelle lügt nicht: Mit dem Jungen aus der eigenen Akademie holte Roma 2,4 Punkte pro Spiel, ohne ihn nur 1,6. Die Differenz kann am Ende über Sechst- oder Drittplatz entscheiden – und damit über 40 Millionen Euro Prämie.

Gasperini will ihn trotz Klubanfragen nicht mehr abgeben, Pellegrini sieht den Konkurrenten, der ihm die Kapitänsbinde langfristig streitig machen könnte. Pisilli selbst bleibt knochentrocken: „Ich habe erst 13 Ligaspiele gemacht, das ist nichts.“ Trotzdem hat er schon mehr Zweikämpfe gewonnen als jeder Roma-U21-Spieler seit der Datenaufnahme 2004. Die Next-Gen-Statistiker rechnen ihm 31 Prozent Torschuss-Plus in den nächsten fünf Jahren zu. Kein Wunder, dass Maldini junior bereits fragte, wie lange der Vertrag noch läuft – bis 2028, mit Ausstiegsklausel ab 2026.

Am Samstag steigt das Derby der Trainersöhne: De Rossi gegen Gasperini, Mentor gegen Entdecker. Beide wissen, dass sie mit Pisilli einen Spieler führen, der nicht nur Roms Mittelfeld, sondern auch die italianische Nationalmannschaft neu justieren kann. Die Kurve wird „Nico, Nico“ singen, und im Fernsehen wird Tardelli live zuschauen. Sein Urteil dürfte klar ausfallen: „Der Junge spielt wie ich, nur schneller.“

Die Roma hat wieder einen Helden, der aus der Stadt kommt, für die Stadt spielt und die Stadt erträumt. Wenn er gegen Genua trifft, kocht das Olympico. Dann steht nicht nur ein Champions-League-Platz auf dem Spiel, sondern die Bestätigung, dass das neue italienische Herz der Roma tatsächlich in einem 20-Jährigen schlägt. Und niemand wagt mehr die Frage, ob er bereit ist. Die Antwort lautet: schon längst.