Kiel wirft flensburg raus aus der spur – cl-traum lebt
37:33. Die Anzeigetafel brennt noch, da tobt der THW schon. Andreas Wolff packt zwei Kollegen an den Schultern, schleudert sie in einen Kreisel, und 3.000 Kehlkopfe vor der Weißen Wand brüllen „Derbysieger!“ so laut, dass die Hallendecke wackelt. Nach Wochen des Zitterns hat der Rekordmeister endlich wieder einen Matchball auf die Königsklasse.
Die Rechnung ist denkbar einfach: Wenn Kiel bis Mai so spielt wie gestern, rutscht es auf Platz drei – und die Champions League holt sich der Meister mit 24 statt 16 Teams automatischzurück. Momentan: Rang vier, 36:14 Punkte. Wolff redet keinem nach dem Munde: „Wir haben gezeigt, dass wir Topteams schlagen können. Jetzt müssen wir nur jede Woche so einen Knaller abliefern.“
Flensburg kassiert die vierte niederlage – titelrennen bekommt risse
Die SG ging als Tabellenzweiter in den 116. Landesklassiker, verließ die Halle mit blutender Nase. 39:11 Punkte reichen plötzlich nicht mehr für die Pole-Position hinter Spitzenreiter Magdeburg. Trainer Maik Machulla schlurfte mit hängenden Schultern durch die Mixed Zone: „Wir haben die Brechstange verloren, die uns sonst ausmacht.“
Kiel dagegen drehte an den Stellschrauben, die vor zwei Wochen noch locker wirkten. Gummersbach und Stuttgart hatten die Mannschaft wie ein Kartenhaus einstürzen lassen – 53 Gegentore in zwei Spielen, ein Debakel, das Wolff „unverschämt“ nannte. Jicha setzte auf aggressives 5-1-Deckung, nahm Rune Dahmke die Libero-Rolle weg, stellte Sander Sagosen ins Zentrum. Ergebnis: nur 33 Gegentore in zwei Derbys binnen vier Tagen.

European-league-sieg war der prolog – liga-kracher der hauptfilm
Der 36:29-Erfolg in der European League am Mittwoch war keine Erleichterung, sondern ein Vorgeschmack. Kiel schoss sich warm, Flensburg blieb kalt. Gestern dann das Déjà-vu mit Extra-Würze: Mitte der zweiten Hälfte lag der THW bereits 30:19 vor, ließ in der Schlussphase ein wenig nach, weil Jicha seine Rotation testete. „Wir wollten sehen, wer bereit ist, im Mai 60 Minuten zu gehen“, sagt der Tscheche. Antwort: fast alle.
Die Zahlen sprechen für sich: 22 Tore aus dem Rückraum, 7 Fastbreaks, 67 % Effizienz im Angriff. Und ein Andreas Wolff, der mit 14 Paraden den Schlussmannpart gab, den man sonst nur von Nikola Blagotinsek kennt. „Wenn der Andy so aufsteht, trauen wir uns alles zu“, sagt Rechtsaußen Harald Reinkind.

Länderspielpause ist risiko und chance zugleich
Nun folgt zwei Wochen Leere. Die Nationalen zerren die besten Leute in die Heimatligen, Jicha muss vor allem die Mitte konservieren: Sagosen, Pekeler, Weinhold. Die Physios haben bereits einen Micro-Zyklus geplant, damit kein Spieler unter 90 % Laufvolumen fällt. Am 27. März geht’s nach Melsungen – ein Kellerkind, das diesmal als Endspiel gilt. Gewinnt Kiel, rückt der vierte Platz in Reichweite, verliert es, darf es wieder von vorn träumen.
Die Fans jedenfalls glauben wieder. Vor der Halle bot ein Anhänger 50 Euro für ein Trikot mit Wolff-Autogramm, zwei Kinder skandierten „Wir wollen Barcelona!“ Der Torwart lacht, zuckt mit den Schultern: „Erst Melsungen, dann sehen wir weiter. Aber wenn wir so weitermachen, darf der Gegner in der Champions League gern Spanisch reden.“
Kiel ist zurück – zumindest für 60 Minuten. Ob das reicht, wird sich in sieben Spielen zeigen. Die Uhr tickt, die Spannung steigt. Und die Weiße Wand bereitet sich schon mal auf ein lautes Finale vor.
