Iranerinnen verlieren 0:4 – und singen plötzlich die hymne
Null Punkte, null Tore, vier Gegentreffer – und trotzdem ist das Ergebnis nur die zweitwichtigste Zahl für Irans Fußballerinnen beim Asien-Cup. Die erste ist 90 Sekunden: so lange dauerte es, bis sie nach dem Anpfiff die Stimmen hoben und die iranische Nationalhymne mitsangen – samt Salut. Vor vier Tagen hatten sie noch geschwiegen. Jetzt sangen sie. Kein Kommentar des Verbands. Kein offizielles Wort. Nur der Sound eines knallharten 0:4 gegen Gastgeber Australien, das die Zweifel größer werden lässt als die Chancen aufs Viertelfinale.
Der platz wurde zur bühne, der ball zur nebensache
Marziyeh Jafari, 34 Jahre alt, ehemalige Nationalspielerin, heute Trainerin mit kariertem Schal und Tränen in der Stimme, stand nach dem Spiel vor den Mikrofonen. Sie sprach nicht über taktische Linien oder fehlende Zweikampfstärke. Sie sprach über Familien, die sie nicht erreicht, über Freundinnen, die seit Wochen inhaftiert sind, über eine Heimat, die sich in einem Dauerzustand der Revolte befindet. „Wir wissen nicht, ob unsere Nachrichten ankommen“, sagte sie. „Wir wissen nur, dass wir hier sind und dass wir spielen – ob wir wollen oder nicht.“
Die Spielerinnen hatten vor dem Turnier intern diskutiert: mitwirken oder boykottieren? Die Entscheidung fiel zugunsten der Teilnahme, unter dem Druck der Sportbehörden, unter dem Druck der FIFA-Punkte, unter dem Druck der eigenen Existenz. Jetzt stehen sie mit leeren Händen da, aber mit einem Bild, das um die Welt geht: wie sie salutieren, während die Hymne ertönt. Ein Bild, das in Teheran als Erfüllung gedeutet wird, in Melbourne als Kapitulation, in den sozialen Medien als Verrat.

Die zahlen lügen nicht – aber sie erzählen nur die halbe geschichte
Zwei Spiele, zwei Niederlagen, 0:7 Tore. Dennoch: Die Iranerinnen können noch aufsteigen. Die Asienmeisterschaft erlaubt den beiden besten Gruppendritten das Weiterkommen. Am Sonntag spielen sie gegen die Philippinen, selbst noch punktlos. Ein Sieg reicht vermutlich. Doch die Frage ist: Was kostet ihn? Sara Didar, 27, Stürmerin, sprach nach dem Spiel mit Tränen in den Augen. Sie sagte: „Jeder Schritt auf dem Platz fühlt sich an, als würden wir über unsere eigene Seele laufen.“ Das ist kein Sportkommentar. Das ist ein Gefängnis aus Leder und TV-Kameras.
Die Australierinnen feierten ihre Tore wie Pflichtübungen. Die Iranerinnen standen danach wie Statisten im eigenen Drama. Und während die australischen Fans „Aussie Aussie Aussie“ skandierten, hallte durch die iranische Kabine ein leises „Warum?“ Nach, das niemand beantwortet. Die FIFA wird keine Sanktionen verhängen. Der iranische Verband wird die Spielerinnen als Patrioten feiern. Die Spielerinnen selbst werden weiterlaufen – weil sie müssen, nicht weil sie wollen.
Am Sonntag entscheidet sich, ob Iran im Viertelfinale steht. Die eigentliche Entscheidung fiel aber schon: auf dem Rasen, zwischen den Linien, 90 Sekunden lang, als eine Gruppe junger Frauen sang, was man von ihnen erwartete – und dabei klang es so leise, dass es wehtat. Das 0:4 zählt in der Tabelle. Das 90-Sekunden-Salut zählt in der Geschichte. Und die Geschichte vergisst nicht.
