Freiburg vor dem jahrhundertspiel: 30.000 fans, ein pokaltraum und kein gramm angst

Istanbul – Der Bosphorus glüht, und mit ihm die Breisgauer. 30.000 Schwarz-Rot-Weiße haben die türkische Metropole in einen Außenposten des Kaiserstuhls verwandelt. Kein Verein, keine Koordination, einfach nur Tausende, die sich über Nacht in Galata-Brücken-Selfies und Mevlana-Kebabs gefunden haben. SC Freiburg spielt heute um 21.00 Uhr gegen Aston Villa das Finale der Europa League – und könnte 120 Jahre Klubgeschichte mit einem einzigen Schlag umschreiben.

Christian günter: „würden sofort anpfifen, wenn der schiri käme“

Im Tüpras-Stadyum klingt nach dem Abschlusstraining kein Applaus, sondern ein kollektives Schnaufen. Kapitän Christian Günter stemmt die Hände auf die Hüften, blickt über den leeren Rasen und sagt: „Es kribbelt so sehr, wir würden am liebsten direkt weitermachen.“ Keine Läufer-Phrasen, sondern ein offener Herzschlag. Neben ihm jongliert Maximilian Eggestein mit vier Bällen – nicht zur Show, sondern weil seine Beine zittern. „Wer heute noch Extramotivation braucht, dem ist nicht mehr zu helfen“, wirft er rüber. Die Aussage trifft keinen einzigen Profi im Kader.

Trainer Julian Schuster hat sich zwischen zwei Pressekonferenzen eine Espresso-Pause gegönnt. „Die Jungs schlafen noch, aber die Augen sind offen“, sagt er und tippt sich an die Stirn. „Wir spüren keinen Druck, nur einen riesigen Raum, den wir endlich ausfüllen wollen.“ Die Rede ist von der Vitrine im Clubmuseum, die bislang nur Fair-Play-Pokal und Aufstiegsmedaillen birgt. „Ein Henkelpokal würde sie sprengen“, schmunzelt Schuster.

Tausende fans opferten urlaubstage – und erwarten antwort auf dem platz

Tausende fans opferten urlaubstage – und erwarten antwort auf dem platz

Die Zahlen sind laut, die Geschichten leiser. Ein Vater aus Munzingen nahm seine Tochter aus der Schulabschlussfeier, um rechtzeitig in Kadiköy anzukommen. Eine Gruppe aus Ebringen fuhr 36 Stunden im Bus, weil Flüge unbezahlbar wurden. „Wir haben keine Tickets fürs Finale, aber wir sind da“, sagt eine Fanbeauftragte, die ihre Stimme bereits verloren hat. Die Botschaft erreicht die Kabine. „Wir wissen, was auf dem Spiel steht – nicht nur für uns, sondern für jeden, der sein Sparbuch geplündert hat“, erklärt Günter.

Gegner Aston Villa landete mit Bodyguards und Promi-Pärchen am Atatürk-Flughafen. Die Engländer haben eine Final-Erfahrung Vorsprung, 1982 Europapokal der Meister. Freiburg? Tabula rasa. „Genau das macht uns gefährlich“, sagt Eggestein. „Wir haben nichts zu verlieren, aber alles gewinnen können.“

Um 21.00 Uhr ertönt der Pfiff. Dann zählt kein einzelnes Wort mehr. Nur noch 22 Beine, ein Ball – und 30.000 Stimmen, die einen einzigen Satz skandieren: „Heim ins Regal, endlich.“