Kretzschmar zerreißt kiel: „keine 100 %–mentalität, keine champions league“

Stefan Kretzschmar spricht, die Hansestadt zittert. In der neuen Folge seines Podcasts „Kretzsche & Schmiso“ kocht der 52-jährige Handball-Rebell das Nordderby schon vor dem Anwurf klein – und liefert dabei ein Psychogramm des THW Kiel, das weit über Samstag hinaus brennt.

Die quintessenz: kiel ist keine siegmaschine, sondern ein highlight-team

„Der THW darf gar nichts mehr verlieren bis zum Ende der Saison! Das ist eigentlich in dieser Liga nicht möglich.“ Mit diesem Satz nagelt Kretzschmar den Rekordmeister ans Kreuz. Die Konsequenz: Verpasst Kiel erneut die Champions-League-Quali, wäre es kein Ausrutscher, sondern ein Systemfehler. Die Ursache lautet Mischung – nicht Mission.

Er nennt Namen, als würde er Kaderkarten auf den Tisch knallen. Johansson fehlt als kreatives Gehirn, Skipagotu als Tempomacher, Madsen als Wurfgeschütz. „Dann hat das natürlich Einfluss auf die Leistung dieses Klubs“, sagt er und klingt dabei wie ein Mechaniker, der einen Zylinderkopf ohne Ventile beschreibt. Die Tiefe? Vorhanden. Die DNA? Versehentlich auf „Sporthochschule“ gestellt, statt auf „Kampf“.

Das alter ist kein alibi – es ist ein kulturproblem

Das alter ist kein alibi – es ist ein kulturproblem

Kretzschmar schaufelt nach. „Das ist eine Frage der Struktur und das ist auch eine Frage des Alters. Das ist eine Frage der Kultur.“ Sprich: Wenn Rasmus Ankermann als Leitwolf durch die Gegend irrt und Duvnjak sowie Reinkind neben ihm die Erfahrung wuchern lassen, fehlt die junge Wildheit, die jeden Ball zweimal holt. „Die Füchse machen das nicht“, wirft er ein, um Berlin als Gegenentwurf zu preisen: kleiner Kader, dafür jedes Jahr frisches Blut.

Sein Urteil klingt wie ein Seziermesser: „Der THW Kiel ist keine Mannschaft, in der Spieler in der Lage sind … in jedem Spiel 100 Prozent zu geben.“ Das ist keine Kritik, das ist ein Todesstoß – vor allem, weil er die Magdeburger Dominanz ins Feld führt. „Die sind dominant, immer noch. In der Liga sowieso. Aber auch in der Champions League.“ Der Vergleich tut weh, weil er stimmt.

Stuttgart war kein blackout – es war ein lehrstück

Die 27:30-Pleite in der Porsche-Arena, die erste Niederlage gegen die Schwaben überhaupt, wertet Kretzschmar nicht als Zufall. „Gegen eine wirklich starke Stuttgarter Mannschaft“, betont er und wischt den BILD-Vorwurf des „Abfall-Gegners“ beiseite. Die Botschaft: Kiel wurde nicht überrascht, sondern outplayed. Wer in Wetzlar und Stuttgart Punkte lässt, darf sich nicht wundern, wenn Mai plötzlich ohne internationale Hymnen daherkommt.

Nordderby: flensburg ist zweiter, aber nicht besser

„Die Tabelle lügt ein bisschen“, sagt Kretzschmar und macht damit auch SG Flensburg-Handewitt klein. Neun Minuspunkte hin oder her: „Ich nehme sie nicht so stabil wahr, wie man sie eigentlich vermuten würde.“ Sein Blick geht nach innen: „Die Woche wird brutal in Kiel. Da werden jetzt Mentalitätsmonster geschaffen.“ Die Holstein-Stadt wird zur Arena, in der sich zeigt, ob die Siegerkultur noch erlernbar ist oder ob sie nur noch ein Museumstück ist.

Die Kieler Fans werden am Samstag die Halle zum Kochen bringen. Die Frage ist nicht, ob Flensburg das aushält – sondern ob Kiel sich selbst erträgt, sollte erneut der Funke nicht überspringen. Denn wenn der THW nicht gewinnt, bleibt die Champions League ein Wunsch und Kretzschmars Diagnose ein Schwur: „Highlight-Team“ klingt dann verdächtig nach „Verein mit Ballermann-Charakter“.