Kongo schlägt um 23 uhr: die nacht, in der ein ganzes land nicht schlafen wird

Kinshasa bebt. Um 23 Uhr deutscher Zeit zieht die Demokratische Republik Kongo gegen Jamaika in ein WM-Playoff – und kein Mensch in der 12-Millionen-Metropole denkt ans Schlafengehen. Erstmalig seit 1974 könnte die Flagge mit blauem Grund, roter Streife und gelbem Stern wieder auf der größten Fußballbühne flattern. Die alten Fotos von Zaire liegen noch in den Schubladen, aber die Farben sind dieselben geblieben.

Mobutus schatten und der mythos von 1974

1974 reiste ein Team namens Zaire nach Westdeutschland, geadelt von Diktator Mobutu Sese Seko mit Autos und Häusern. Die Spieler sollten „Afrikas Stolz“ verkörpern, doch die Offiziellen plünderten die Kasse leer. Nach einer 0:9-Demontage gegen Jugoslawian drohte der Präsident den Profis: „Bei mehr als drei Gegentoren gegen Brasilien kehrt ihr nicht heim.“ Mwepu Ilunga trat den Ball weg, weil er überlebte – nicht aus Unwissenheit. Die Szene ging als „afrikanisches Kuriosum“ um den Globus, war in Wahrheit ein verzweifelter Schrei.

Die Rückkehr erfolgte ohne Cent, ohne Ehrenparade. Mobutu verlagerte die Aufmerksamkeit auf den Box-Knaller „Rumble in the Jungle“ – Ali gegen Foreman, Kinshasa, 30. Oktober 1974. Der Fußball galt als erledigt.

Vier „spanier“ und ein kontinent, der endetlich wieder lacht

Vier „spanier“ und ein kontinent, der endetlich wieder lacht

Heute startet ein Kader mit Bakambú, Pickel, Diangana und Cipenga – allesamt in spanischen Akademien geformt. Ihre Eltern flohen einst aus dem Krieg, doch die Söhne wählten das Trikot der Heimat. Die Qualifikation würde nicht nur ein Ticket nach Katar bedeuten, sondern auch eine Art Schuldenerlass an jene Generation, die 1974 als Marionette endete.

Trainer Héctor Cúper, der Mann, der einst mit Valencia das Champions-League-Finale erreichte, hat die Mannschaft auf das Tempo der Concacaf-Drillmaschine eingestellt. Jamaika kommt ohne Leon Bailey, dafür mit einem Haufen englischer Underdog-Legionäre. Die Statistik spricht für Kongo: drei Siege in den letzten vier Heimspielen, kein Gegentor seit 312 Minuten.

Wenn der Schiri pfeift, werden Radios auf voller Lautstärke durch die Barrios knattern, und selbst die Straßenhändler vergessen für 90 Minuten ihre Ware. Die Nacht von Kinshasa wird heller als jeder Tag – und vielleicht, nur vielleicht, endet sie mit dem Satz, der 52 Jahre überfällig ist: „Wir sind wieder da.“