Kongo bebt: nach 52 jahren jagen die leoparden wieder beim wm-märchen mit

Kinshasa stand still. Dann tobte es. Ein offener Bus, ein Meer aus roten Fahnen, eine Stadt, die ihren Atem verlor – und ein 1:0 gegen Jamaika, das ein ganzes Land aus dem Dornröschenschliss reißt. Die Demokratische Republik Kongo ist zurück auf der Fußball-Weltbühne, 52 Jahre nach dem letzten Mal, als sie noch Zaire hieß und mit 0:9 gegen Jugoslawien unterging.

Was niemand erwartete, ist jetzt Realität: Die zweitgrößte Nation Afrikas fährt zur WM 2026 in die USA. Und plötzlich stehen Aaron Wan-Bissaka, Simon Banza und Noah Sadiki nicht mehr vor der Frage „für wen spiele ich?“, sondern nur noch: „Wie weit schaffen wir es?“

Ein triumph, der sich vor jahren anbahnte

Der Sieg gegen Jamaika war kein Zufall. Schon 2022 scheiterte Kongo erst im letzten Quali-Spiel an Marokko, beim Afrika-Cup 2024 wurde Vierter. Der Marktwert des Kaders: 153 Millionen Euro – vergleichbar mit Borussia Mönchengladbach. „Die Jungs spielen in der Premier League, in Spanien, Frankreich, Belgien. Die Qualität ist längst da“, sagt Elias Kachunga, Deutsch-Kongolese, 33, einst Bundesliga-Stürmer, heute noch bei Cambridge United in Liga vier unterwegs. Er absolvierte 2017 ein Länderspiel für die Leoparden und kennt die Seelenlage des Landes.

Doch hinter den Zahlen steckt mehr als Talent. Früh mussten Spieler ihre Flugtickets selbst vorstrecken und das Geld monatelang einklagen. Heute landet eine Maschine des Verbandes, und auf dem Rollfeld warten neue Toyota-SUVs – Geschenk von Präsident Félix Tshisekedi. Symbolpolitik? Vielleicht. Aber auch ein Signal: Ihr gehört dazu.

Der coach, der afrika atmet

Der coach, der afrika atmet

Sébastien Desabre war 1974 noch nicht einmal geboren, als Zaire in Deutschland durchs WM-Tableau raste. Der 49-jährige Franzose trainiert seit 2010 in Afrika, Uganda, Algerien, Kamerun, Elfenbeinküste – und seit 2022 Kongo. Kein Feuerwerk, keine Lautstärke, nur stille Arbeit. Seine Taktik: Disziplin, Umschaltmomente, eine Dreierkette, die selbst Vinícius Jr. in Testspielen ratlos machte. Die 120. Minute gegen Jamaika: Ecke von links, Axel Tuanzabe stürmt, Kopfball, 1:0 – Houston, wir kommen.

Politik spielt mit, aber nicht entscheidend

Politik spielt mit, aber nicht entscheidend

Im Osten des Landes schlägt weiter das Militär gegen die Rebellengruppe M23, Millionen sind auf der Flucht. Beim Afrika-Cup hielten die Spieler sich symbolisch eine Pistole an den Kopf – Protest gegen das Schweigen der Welt. „Wenn du deine Familie schützen willst, wünschst du dir politische Veränderung“, sagt Kachunga. Doch er warnt: „Am Ende zählt nur der Ball. Der Rest ist Lärm.“

Am 17. Juni eröffnet Kongo in Houston gegen Portugal die Gruppe K. Dann geht’s gegen Kolumbien und Usbekistan. Bei 48 Teams reicht schon ein Sieg fürs Achtelfinale. „Eine Runde weiter und die Kinder in Kinshasa träumen ein ganzes Jahr nichts anderes“, sagt Kachunga. Er wird live dabei sein. Die Tickets hat er sich diesmal selbst bezahlt. Kein VIP-Tribünenplatz, sondern Block 134, Reihe 7 – zwischen den Fan-Choreos und den Tränen. „Das ist kein Spiel, das ist Heimkehr.“