Thun: der "leicester der alpen" steht vor dem titel!

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Schweizer Zweitligist Thun könnte bereits am heutigen Abend Schweizer Meister werden. Ein Märchen, das so steil kaum jemand vorhergesagt hätte, und das im beschaulichen Kanton Bern seinen Ursprung hat. Der Verein, der einst bereits Champions-League-Luft schnupperte, steht nun kurz vor dem größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte – und das mit einem Budget, das lächerlich niedrig ist im Vergleich zur Konkurrenz.

Die philosophie von trainer mauro lustrinelli: pressing, tempo und emotionen

Was steckt hinter diesem unerwarteten Aufstieg? Ein Mann steht im Zentrum dieser Erfolgsgeschichte: Trainer Mauro Lustrinelli. Der frühere Nationalspieler, der von vielen als der "Pippo Inzaghi der Alpen" bezeichnet wird, hat in Thun eine Philosophie etabliert, die auf schnellem Umschaltspiel, aggressivem Pressing und vor allem auf Emotionen setzt. "Ich will, dass sich die Leute hier amüsiert fühlen, nicht einschlafen", erklärt Lustrinelli mit einem verschmitzten Lächeln. "Besitz ist mir egal. Hauptsache, wir bringen den Ball schnell in den gegnerischen Strafraum."

Es ist eine Herangehensweise, die funktioniert. Thun dominierte die reguläre Saison und liegt derzeit punktgleich mit Lugano an der Tabellenspitze. Schon ein Sieg im heutigen Heimspiel gegen Lugano würde den Titel perfekt machen.

Ein Budget von nur einer Million – das ist es, was diesen Erfolg noch unglaublicher macht. Thun ist bei weitem nicht der wertvollste Kader der Super League. Hinter den Kulissen agieren jedoch Präsident Andreas Gerber und Sportdirektor Dominik Albrecht, die mit einem scharfen Auge Talente entdecken und für wenig Geld verpflichten. "Wir wissen, dass einige Spieler im Sommer gehen werden", sagt Gerber. "Aber wir haben die Regeln neu geschrieben."

Von der kantinen-pause zum champions-league-bezwinger

Von der kantinen-pause zum champions-league-bezwinger

Die Geschichte des Thun ist gespickt mit außergewöhnlichen Geschichten. Leonardo Bertone, der als "Schweizer Beckham" bezeichnet wird, spielte bereits in der Saison, als Thun in die Zweite Liga abstieg. Er glaubte an die "Phoenix-Legende“ und kehrte zurück, um zu helfen. Niklas Steffen, der Torwart, spielte vor zwei Jahren noch in der Drittklassigkeit. Christopher Ibayi, der Stürmer, kam aus der vierten Liga Korsikas. Und Ethan Meichtry, der talentierte Spielmacher, wurde mit 15 Jahren vom Thun abgegeben – um dann vom selben Verein zurückgeholt und zum "Yamal des Oberlandes" zu werden.

Trainer Lustrinelli selbst erinnert sich an seine eigene Zeit als Spieler: "Ich und Gerber haben zusammen Fußball gespielt. Als er mich rief, fragten wir uns, welche Art von Fußball wir spielen wollten." Die Antwort war klar: "Hoher Druck, schnelle Transaktionen, Vertikalität, Emotionen."

Der Erfolg hat auch die Fans erreicht. Während vor vier Jahren noch 2.000 Zuschauer die Spiele besuchten, sind es heute 10.000 – ein Beweis für die Faszination, die dieser kleine Verein im Kanton Bern entfacht hat.

Lustrinelli, der sich als Deejay einen Namen gemacht hat und dessen Büro ein professionelles DJ-Equipment beherbergt, hat auch eine Vorbildfigur: José Mourinho. "Ich habe sein Foto im Büro mit der Aufschrift 'Besessenheit schlägt Talent'. Ich will mit Thun gewinnen, aber solange die Mathematik nicht auf unserer Seite steht, entspanne ich mich auf meine Weise." Sollte Thun tatsächlich den Titel holen, verspricht Lustrinelli: "Dann werde ich auf der Party auflegen!"

Ein Märchen, das noch nicht zu Ende geschrieben ist – und das uns daran erinnert, dass im Fußball alles möglich ist.