Kompany zittert vor länderspiel-crash: „letztes jahr brachen sie mir weg“

Vincent Kompany hat den Countdown längst im Kopf: 24 Tage bis Madrid, 24 Tage, in denen sich jedes Training in ein Pokerspiel verwandelt. Denn der FC Bayern-Coach weiß, wie schnell eine Saison in der Nations-League-Phase explodieren kann. „Letztes Jahr haben Christoph Freund und ich High-Five gemacht: ‚Top, alle fit!‘ Dann war plötzlich kein Davies mehr da, kein Upamecano, und Guerreiro musste auf der Zehn spielen“, sagt er und kneift die Augen zusammen, als würde das Bild noch immer wehtun.

Die angstwoche beginnt jetzt

Ab Montag schickt der Klub 14 Profis in Länderspiel-Quarantäne, Musiala trainiert derzeit allein im Leistenzentrum. „Er soll bis zur WM durchhalten“, sagt Kompany, aber die Verletzung am Sprunggelenk ist ein Mikro-Riss, kein Muskelkater. Drei Tage nach dem 4:1 gegen Atalanta schlich der Dribbelkünstel noch gebückt durch die Mixed Zone. Kein Schmerzmittel, nur ein Protektor – und ein Zeitplan, der lautet: 9. April Bernabéu, 12. April Stuttgart, 15. April Madrid-Rückspiel.

Der belgische Trainer schwört, dass er „keine Sekunde“ an die Tabelle denkt, doch das ist Teil seiner Choreografie. Denn die Bundesliga-Spiele gegen Bremen und Freiburg sind vor allem Labortests: Wie reagiert Kane auf 180 Minuten in drei Tagen? Hält Neuer die 90-Minuten-Marke nach seinem Patzer in Bergamo? Und: Wer rutscht nach, wenn Kim und Sané in Asien zweimal 90 Minuten absolvieren?

Freundschaftsspiele? für kompany ein schreckgespenst

Freundschaftsspiele? für kompany ein schreckgespenst

Die Beruhigungspille, die er seinen Bossen Eberl und Dreesen andreht, klingt nüchtern: „Fast nur Freundschaftsspiele.“ Dahinter steckt aber die Erinnerung an November 2022, als Coman sich in einem unwichtigen Duell mit Frankreich den Oberschenkel riss und Hernández im Training vor der WM das Kreuzband. „Die Trainer der Nationalteams wollen Ergebnisse, nicht Erhaltungsprogramme“, sagt Kompany. Deshalb flattern bereits Ländercodes durch die Leitung: Kanada will Davies nur 45 Minuten, Frankreich verzichtet auf Rabiot, Brasilien testet ohne Pavard.

Die Zahlen sind brutale: Seit 2019 fielen 23 Bayern-Ausfälle direkt nach Länderspiel-Pausen, elf davon länger als vier Wochen. Die medizinische Abteilung hat deshalb jedem Spieler ein GPS-Band verpasst, das in Echtzeit Pulsdaten nach München funkt. „Wenn einer über 95 % der Maximalherzfrequenz läuft, kriege ich eine Push-Meldung“, verrät Co-Fitnesschef Broich. Die Drohung dahinter: Wer ignoriert, fliegt aus dem Kader für Madrid.

Am Donnerstagabend sitzt Kompany noch in der Kabine, streicht durch die Länderspiellisten. Dabei fällt ein Satz, der alles sagt: „Wir haben nicht die Breite von City oder Madrid. Ein Musiala-Ausfall bei uns bedeutet: 30 % weniger Dribblings, 22 % weniger letzte-Pässe. Das ist keine Statistik, das ist unser Spielplan.“ Dann lacht er, aber es klingt wie ein Schluck kalter Kaffee. In 24 Tagen entscheidet sich, ob seine erste Saison in München in Gold oder in Tränen endet. Die Pause ist vorbei, bevor sie begonnen hat.