Kolumbien vor der klimakatastrophe: el niño schlägt zwei monate früher zu

Kolumbiens Regierung hat den Katastrophenfall ausgerufen. Der El-Niño-Wetterphänomen wird nicht erst im Dezember eintreffen – er ist laut Ideam bereits für Juni sicher und wird mindestens „stark“, wahrscheinlich sogar „sehr stark“. Das Land, ohnehin ausgetrocknet, trifft es nun in seiner wunden Stelle.

Die Alarmstufe springt von 62 auf 82 Prozent. Das war gestern. Heute reden die Meteorologen schon von 96 Prozent Wahrscheinlichkeit für das vierte Quartal. Die Ursache: Das zentrale Pazifik heizt sich rasant auf, schneller als jede Prognose. Ghisliane Echeverry, Direktorin des staatlichen Wetterdienstes, formuliert es nüchtern: „Die Dürre verschärft sich in fast jedem Departamento.“

Ein jahr, das sich selbst abgeschaltet hat

Der Januar lieferte sintflutartige Regen – in der Trockenzeit. Dann drehte das Land den Schalter um: März, April, Mai, eigentlich die große Regenzeit, blieben weit unter dem historischen Mittel. Die Flüsse schrumpfen, die Stauseen sinken. Wer jetzt noch von „Vorsicht“ spricht, hat die letzten Monate verschlafen.

Die Temperaturen jagen Rekorde. Valledupar misst 38,4 °C, vier Grad über dem Mittel. Santa Marta kocht bei 37,2 °C. Selbst San Andrés, sonst von der Brise gekühlt, markierte mit 33,7 °C einen neuen Höchstwert. Die Karibik-Region glüht, die Anden schmelzen, der Pazifik verdunstet.

Strom, wasser, feuer – die dreifachfalle

Strom, wasser, feuer – die dreifachfalle

Kolumbiens Strommix hängt zu 70 Prozent an Wasserkraftwerken. Die Speicher aber laufen leer. Das Ministerium für Bergbau und Energie rechnet im Sommer mit Zusatzkosten von über 400 Millionen US-Dollar für Spitzenlastgasturbinen. Ohne ausreichend Wasser droht Lastabwurf, sprich: geplante Blackouts.

Die Trinkwasserversorger rufen bereits die Notreserve ab. In 312 Kommunen ist die Zufuhr rationiert, die Landwirtschaft meldet Ernteausfälle von bis zu 30 Prozent bei Mais und Reis. Gleichzeitig wächst die Gefahr von Flächenbränden: Die Bodenfeuchte liegt in den Graslandschaften unter 15 Prozent, ein Wert, bei dem jede Glut ein Inferno entfacht.

Die Regierung mobilisiert 1,2 Billionen Kolumbianische Pesos für Notprogramme – umgerechnet rund 300 Millionen Euro. Gouverneure und Bürgermeister sollen binnen 72 Stunden ihre Kontingenzpläne aktivieren. Die Landesbehörde für Katastrophenschutz UNGRD stationiert 5.000 Helfer und 300 Löschflugzeuge in den Risikozonen. Es ist eine Rennerei gegen die Zeit, denn sobald der Juni beginnt, fällt der Regenschirm weg.

Die Kolumbianer haben 45 Tage, um sich auf das vorzubereiten, was Meteorologen als stärkstes El Niño seit 1997 einstufen. Wer jetzt nicht bunkert, nicht dämmt, nicht löscht, wird im August nach Wasser und Strom jagen – und die Rechnung dafür mit Schweiß und Asche bezahlen.