Köhn tanzt gegen sein hamburg – ghana ruft, deutschland wartet
Stuttgart wird Montagabend zum Schauplatz einer Familien-Saga. Derrick Köhn, 1998 in Hamburg-Barmbek geboren, trägt schwarz-rot-goldene Stutzen – nur dass diesmal Ghana draufsteht. Gegen die Nation, deren Straßen er mit dem Fahrrad unsicher gemacht hat, gegen Freunde aus der U-Nationalmannschaft, gegen Manuel Neuer, den er als Jugendlicher im Trainingslager noch um ein Selfie bat.
„Ich muss mich kneifen“, sagt Köhn, während er in der Mixed Zone steht. Die Stimme zittert kaum, aber die Hände schließen sich um das Mikro wie um eine Rettungsleine. „Meine Mum sitzt auf Tribüne 34, mein Dad auf 35. Dazwischen: 40 Leute aus unserer Straße. Die haben Ghana-Fahnen, aber deutsche Pässe im Portemonnaie.“
Addo lockte ihn mit einem satz
Die Entscheidung fiel nicht auf dem Papier, sondern auf dem Rasen des Volksparkstadions. Otto Addo, heute Ghanas Chef, damals Scout beim HSV, sah Köhn in einem U-19-Duell gegen Bayern. Nach dem Abpfiff flüsterte er: „Wenn du willst, dass deine Eltern deine Länderspiele im Stadion sehen, komm rüber. Ghana spielt in Accra – und in Stuttgart.“ Ein Satz, der in Köhn nagelte. „Plötzlich war klar: Hier geht’s nicht um Taktik, sondern um Herkunft“, erzählt er.
Sein Debüt feierte er mit dem Azonto, dem Ghanaischen Pop-Tanz. „Die Jungs haben gelacht, weil ich einen Hamburger Akzent im Hüftschwung habe“, grinst er. „Aber sie haben mitgeklatscht. Das war mein Einbürgerungstest – bestanden mit Tanz statt Papier.“
Mittlerweile schickt ihm Union Berlin Videoschnipsel aus Berliner Kneipen, in denen Fans vor der Leinwand stehen und gleich zwei Trikots tragen: Köhn 21, darunter Ghana. „Die Stadt ist ein endloser Balkon geworden“, sagt er. „Plötzlich bin ich deren Story.“

Der bruder blieb in hamburg – und bastelt jetzt an einem fan-banner
Sein älterer Bruder Nico, gelernter Automechaniker, näht in einer Hinterhof-Werkstatt an einem 20-Meter-Banner: HALB HAMBURG, HALB ACCRA – GANZ KÖHN. „Er kann nicht kommen, weil Schichtbetrieb“, sagt Derrick. „Aber das Banner wird im Block hängen. Dann bin ich trotzdem da.“
Statistiker rechnen: Köhn wäre der erste Hamburger, der in einem Pflichtspiel gegen Deutschland dribbelt. „Keine Ahnung, ob das ein Rekord ist oder einfach nur verrückt“, sagt er. „Aber ich weiß, dass meine Eltern nach dem Spiel keine Fahne hissen, sondern einfach nur atmen.“
Kurz vor dem Interviewende kommt die Frage nach einem Torjubel. Köhn lacht, aber die Antwort kommt ohne Filter: „Wenn ich treffe, laufe ich zur Kurve – und mache den Azonto. Dann sehen alle: Hier steht ein Hamburger, der Ghana liebt. Und Deutschland auch.“
90 Minuten, zwei Heimspiele auf einmal. Danach wird er sich die Schuhe ausziehen – und sie nebeneinander stellen: links Ghana, rechts Hamburg. Kein Sieger, nur ein Sohn.
