Kohfeldt packt aus: warum er in darmstadt nur mit spaghetti bolognese gewinnt

Florian Kohfeldt sitzt nicht einmal fünf Minuten im Interview, da prasselt schon die erste Bombe. Spaghetti Bolognese – keine Taktik, kein Videoanalyst, keine Psychologin – sei sein Geheimrezept am Spieltag. „Um 10.15 Uhr muss die Portion stehen, sonst läuft nichts“, sagt der 43-Jährige und lacht, als hätte er das große Fußballrätsel gelöst. Die Lilien führen seit Wochen die Zweite Liga an, und plötzlich wirkt der Aufstiegskampf wie ein Kochrezept mit nur einer Zutat.

Der umzug, der alles veränderte

Kohfeldt schwärmt nicht lange von Taktikbrettern. Stattdessen erzählt er vom „kleinen Dorf“, in dem er mittlerweile wohnt, und wie seine Frau die Einkäufe erledigt, ohne dass jemand nach der Viererkette fragt. „Die Lebensqualität hier ist absurd hoch“, sagt er und klingt dabei wie ein Auswanderer, der zufällig einen Fußballverein übernahm. Der Mentalitätsunterschied zwischen Nord und Süd beschert ihm täglich neue Material für Stand-up-Comedy: „In Schleswig-Holstein grüßt man höflich, hier in Südhessen wird direkt geknoddert.“

Doch hinter dem Lächeln schwingt ein klarer Plan. Als Paul Fernie ihm die Idee skizzierte, eine kluge Spielidee zu installieren und dann alles drumherum anzupassen, war Kohfeldt sofort Feuer und Flamme. „An anderen Standorten habe ich gemerkt, wie schwer es ist, seine Philosophie durchzudrücken“, sagt er und meint damit vermutlich Bremen, wo er sich mit Wind gegen Mauern unterhielt. In Darmstadt dagegen sagt das Präsidium: „Macht.“ Und das war’s dann auch schon mit der Demokratie.

Daten, kaugummis und der sieg über den schiri

Daten, kaugummis und der sieg über den schiri

Die Daten-Revolution im Fußball? Kohfeldt nimmt einen Schluck Wasser und schiebt die Brille zurecht. „Wir haben Analysten, die mehr Videos schneiden als Netflix“, sagt er, „aber am Ende entscheidet, ob der Ball im Strafraum landet oder nicht.“ Trotzdem lässt er sich alles erklären, von Laufleistung bis Passquote. Nur Social Media verbietet sich der Coach komplett. „Negativität in Echtzeit? Ich brauche keinen Fremdkommentar, um schlecht zu schlafen.“

Während des Gesprächs kaut er pausenlos Kaugummi. Es ist dieselbe Marke, die er auch an der Seitenlinie rumnagen muss, wenn der vierte Offizielle schon wieder „zu nah“ steht. „Die Kommunikation ist präventiv“, sagt er und klingt dabei wie ein Diplomat, der nur noch Taktgefühl statt Taktik predigt. Einmal Schiedsrichter werden? „Nein. Der gewinnt nie. Und ich gewinne gerne.“ Punkt. Aus. Bolognese auf 0.

Der aufstieg, der kein finale mehr ist

Der aufstieg, der kein finale mehr ist

Die Frage nach dem „Wann“ stellt sich Kohfeldt nicht. „Wir wollen oben mitspielen, aber keinen Tag vorher rechnen“, sagt er und klingt dabei wie ein Mann, der schon einmal die Rechnung ohne den Gegner gemacht hat. Die Lilien haben aktuell fünf Punkte Vorsprung auf Rang drei, und die Konkurrenz schaut mehr auf Darmstadt als auf sich selbst. „Wenn wir weiterso spielen, kommt der Rest von allein“, sagt er und meint: Weiterso bedeutet Spaghetti, Kaugummi, ein Dorf ohne Hektik – und ein Trainer, der endlich wieder gewinnt, weil er nicht mehr gegen Windmühlen kickt.

Am Ende bleibt ein Satz hängen, den er so noch nie sagte: „Ich bin angekommen.“ Nicht beim Verein, nicht in der Tabelle – im Leben. Und wenn das kein Aufstieg ist, dann weiß Kohfeldt auch nicht, was einer ist.