Vom glovo-fahrer zum giro-helden: orluis aular lieferte essen aus, jetzt jagt er den ruhm
Vor drei Jahren trug Orluis Aular noch das rote Glovo-Tütchen durch Madrid, statt das Rote Trikot des Giro d’Italia zu träumen. Jetzt sitzt der Venezolaner im WorldTour-Bus von Movistar, und niemand im Peloton hat sich härter erkämpft, was heute auf dem Asphalt steht.
Navalcarnero-madrid: die doppelte schicht
Jede Nacht um 22 Uhr startete er seine Tour, Kilometer für Kilometer zwischen Appartementblocks und Hauptstraßen. Tagsüber wechselte er den Rucksack gegen das Zeitfahrrad, fuhr zur Arbeit, um sich danach auf dem Home-Trainer auszupowern. „Ich brauchte das Geld, um überhaupt weiter Rad fahren zu können“, sagt er, ohne Mitleid, nur mit der Ruhe eines Mannes, der weiß, dass sich Anstrengung irgendwann in Geschwindigkeit verwandelt.
Die Rechnung ging auf. 2021 gewann er zwei Etappen und die Gesamtwertung der Vuelta a Venezuela, 2022 dominierte er die Volta ao Alentejo in Portugal. Nationaler Straßen- und Zeitfahrmeister, Vertrag bei Movistar, Debüt beim Giro 2023 – und sofort Platz drei hinter Mads Pedersen und Wout van Aert in der Massensprint-Etappe nach Tirana. Statistiker nannten es eine Sensation; er selbst nannte es Logik harter Arbeit.

Glaube, familie, asphalt
Aulars Kräftequelle ist weder Sportwissenschaft noch Zahlenmaterial, sondern ein simpler Satz, den er nach jedem Interview wiederholt: „Es ist Gottes Verdienst, dass ich hier bin.“Geboren in Nirgua, einem 15.000-Seelen-Ort im Bergland von Yaracuy, stand früh fest: Baseball oder Fußball – mehr bietet Venezuela. Doch ein Cousin stellte ihm ein altes Aluminiumrad vor, Aular fuhr los und merkte, dass die Berge kleiner wurden, je länger er in die Pedale trat.
Heute trägt er die Startnummer 132, kein Favorit fürs Podium, aber jeder, der die Streckenprofile studiert, findet seinen Namen in der Liste der Kämpfer für die Ausreißergruppen. Auf den ersten Blick ein Dienstleister fürs Team, auf den zweiten der Mann, der weiß, dass eine Attacke mehr sein kann als nur Rennstrategie – sie kann ein ganzes Leben verändern.
Die Datenbanken listen 18 Profisiege, doch keine Spalte führt aus, wie viele Burger, Sushi-Boxen und Flaschen Wasser er durch die Hauptstadt Spaniens kutschieren musste, damit aus dem Nebenjob der Hauptberuf werden konnte. Aular selbst vergisst nichts. Auf seinem Smartphone speichert er noch immer die alten Glovo-Routen. „Wenn ich müde werde, schaue ich mir die Straßenzüge an und weiß: Hier bin ich mit 25 Stundenkilometern zwischen den Autos geschlängelt, heute mit 50 auf dem Renner“, sagt er.

Was wirklich zählt
Seine Geschichte ist kein Märchen, sondern ein Kraftakt gegen die Wahrscheinlichkeit. Venezuela ist kein Radsport-Mutterland, Banken vergeben keine Kredite für Carbon-Räder, und Sponsoren springen erst ein, wenn Siege schon auf dem Konto stehen. Aular umging das System, indem er sich selbst zum Sponsor machte – mit Muskelkraft und nächtlichen Lieferungen.
Im Fahrerlager von Catanzaro, wo der Giro heute Rast macht, wirkt er trotz der 1.500 gestrigen Höhenmeter entspannt. Kinder warten mit Movistar-Fahnen, er unterschreibt, lacht, spricht mit ihnen auf Spanisch, dann auf Italienisch. „Ich weiß, wie sich Träume anfühlen, die keiner außer dir selbst ernst nimmt“, sagt er. Die Botschaft ist kein Klischee, sondern Alltagserfahrung.
Am Freitag geht es Richtung Apennin, wo die erste echte Bergetappe die Gesamtwertung durcheinanderwirbelt wird. Aular wird nicht um den Gesamtsieg mitfahren, aber er wird attackieren. Vielleicht schafft er den Sprung in die Frühgruppe, vielleicht klappt es nicht. Er selbst sagt: „Jeder Kilometer ist ein Sieg gegen das, was ich war.“
Wenn er also wieder in die Pedale tritt, denkt er nicht an Windkanal-Analysen oder Kollektiv-Strategien, sondern an die Madrid-Nächte, an das Gewicht der Essenspakete und daran, dass ausgerechnet das Radeln für Essenslieferungen ihn letztlich satt gemacht hat. Und irgendwo zwischen Start und Ziel wird er wieder leise beten – nicht um den Etappensieg, sondern um Dankbarkeit. Denn er weiß: Das Rennen endet, die Geschichte nicht.
