Klose verzichtet auf salto, setzt dafür auf zeit und nürnberg bis 2028
Miroslav Klose lacht den Jubelsalto ab. „Das nächste Krankenhaus ist zu weit weg“, sagt er und meint damit nicht nur seine 47 Jahre, sondern die neue Gelassenheit, mit der er den 1. FC Nürnberg durch die 2. Bundesliga lenkt. Seit dem Winter hat der Weltmeister von 2014 den Club verjüngt, verunsichert und wieder stabilisiert – ein Drahtseilakt, der sich langsam lohnt.
Die generation tiktok lernt taktik
Klose erklärt im Gespräch mit Blickpunkt Sport, warum er Einzelgespräche vor Videowänden bevorzugt: „Die Jungs schalten nach zwei Minuten ab, wenn sie Analystools sehen. Dann guckst du in 19 Gesichter und weißt: Weg ist die Aufmerksamkeit.“ Seine Lösung: Einzelarbeit, kurze Impulse, ständiger Austausch. Die Erkenntnis stammt aus seiner Zeit als U-17-Coach beim FC Bayern, wo er merkte, dass sich die Lebensrealität des Nachwuchses verschoben hat – weg vom Platz, hin zur Smartphone-Oberfläche.
Die Zahlen sprechen für ihn: Seit der Umstellung auf eine durchschnittliche Startelf-Alter von 23,4 Jahren holte Nürnberg 17 Punkte aus den letzten zehn Spielen. Die Abstiegszone rückt in weite Ferne, die Stimmung im Stadion kippt von Frust zu Glauben. „Wir brauchen einfach Zeit“, betont Klose, der weiß, dass Geduld im Fußball selten ist, aber nötig, wenn man nachhaltig aufbauen will.

Vertrauen statt victoria-schwenk
Kein anderer Trainer der Franken-Geschichte wurde nach so wenigen Erfolgen so sehr geliebt. Fan-Choreos mit seinem Konterfei, Spaziergänge durch die Altstadt, die in Autogrammstunden enden – das Verhältnis wirkt symbiotisch. „Das habe ich so noch nie erlebt“, sagt Klose, der seinen Vertrag bis 2028 verlängerte. Intern heißt es, bei vorzeitigem Aufstieg gebe es eine Option bis 2030. Extern scherzt er: „Wenn wir irgendwann Champions League spielen, vielleicht bringe ich den Salto dann doch wieder.“
Die Leichtigkeit täuscht. Klose fordert, dass Fußball „das A und O“ im Leben seiner Spieler bleibt. Wer sich nicht voll reinhängt, fliegt raus aus dem Kader – keine Diskussion. Das Prinzip funktioniert, weil Klose selbst Vorbild ist. Er kommt um sieben Uhr morgens, bleibt bis abends, guckt jedes Unter-19-Spiel, kennt die Namen der Balljungen. Seine Arbeitsmoral infiziert den Kader.
Am Sonntag empfängt Nürnberg Kiel, ein Sechspunkte-Spiel im Aufstiegsrennen. Die U23 liefert mit dem 18-jährigen Angreifer Ali Zoma gerade das nächste Talent. Klose grinst: „Wenn der mir in zwei Jahren den Kopf schüttelt und sagt ‚Mister, ich hab keinen Bock‘, weiß ich, dass ich meinen Job verfehlt habe.“ Momentan sieht es nicht danach aus. Die Kurve steigt, der Salto bleibt – und der Club näher an der Bundesliga dran als jede Statistik es vorhersagt.
