Klinsmann zerreißt italiens system: „kein anführer, kein mut – und keine ausbildung“

Die Nacht nach dem Debakel gegen Bosnien war für Jürgen Klinsmann schlaflos. Der ehemalige Weltmeister und Inter-Stürmer saß in seinem Wohnzimmer in Los Angeles, am Handy eine WhatsApp-Gruppe voller verzweifelter Italiener. „Ich habe mit meinen Freunden mitgelitten, bis der Kaffee kalt war“, sagt er im Gespräch mit Rai Sport. „Und dann habe ich gezählt: Wie viele Dribblings schafft dieses Team? Wie viele Eins-gegen-Eins? Die Antwort war null.“

Der mann, der jonathan klinsmanns vater ist, erklärt, warum italien zusammenbricht

Der Sohn steht im Tor von Cesena, dem Vater fliegen die Argumente um die Ohren. Klinsmann sieht ein Land, das seine Talente systematisch abwürgt. „Bei euch würde ein Yamal oder ein Musiala in die Serie B geschickt, um ‚Erfahrung‘ zu sammeln. Dabei verlernen sie gerade dort, wie man einen Gegner ausspielt.“ Die Folge: Eine Nationalmannschaft, die seit März 2022 keine reguläre Torvorlage von einem Flügelspieler verbucht hat – Statistik Opta.

Der 59-Jährige, der 1990 im Romer Olympiastadion die Deutschen jubeln ließ, spricht von einem „Mangel an Anführern, nicht an Kapitänsbinden“. Gemeint ist die Sorte Spieler, die in der 87. Minute noch den Ball ins Aus schmettert, um Zeit zu schinden, statt ihn ins Seitenaus zu dreschen. „Ihr habt keine Typen mehr, die sagen: ‽Gib mir den Ball, ich mache den Gegner kalt.“ Stattdessen: Querpass, Rückpass, Sicherheitspass. Die FIFA-Rangliste spiegelt das Elend: Platz 9, die schlechteste Position seit 2017.

Warum klinsmann den italienischen trainerjob nicht will – aber trotzdem einen lösungsplan hat

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Er war in den 90ern ein Halbgott in Mailand, doch das Angebot, die Azzurri zu retten, kam nie. „Weil ich die Wahrheit sage“, lacht er schwarz. „Ich würde sofort drei 19-Jährige aufstellen und den erklären, der 30 ist, dass er jetzt länger läuft als der Jugendliche neben ihm.“ Genau das aber wäre laut Klinsmann der einzige Weg. „Ihr müsst wieder lernen, zu gewinnen, statt bloß nicht zu verlieren.“

Die Zahlen sind brutaler als jede Polemik: In den letzten 18 Länderspielen fiel Italien nur in zwei Fällen früher als in der 75. Minute ein Tor – und genau dann, wenn sie selbst führten. „Das ist keine Taktik, das ist Angst“, sagt Klinsmann. „Und Angt trainiert man nicht in der Serie B, sondern indem man einem Esposito erlaubt, beim ersten Fehler nicht ausgewechselt zu werden.“

Am Ende bleibt ein Satz hängen, der klingt, als hätte er ihn im Halbschlaf formuliert: „Ein Land, das Roberto Baggio hervorbrachte, sollte nicht ums Überleben beten, sondern ums Finale spielen.“ Danach legt Klinsmann auf. In Los Angeles ist Mittag, und irgendwo in Italien beginnt gerade wieder eine Trainingseinheit – mit Querpass, Rückpass, Sicherheitspass.