Klaus schäfer: 'ich schlafe kaum noch – zaragoza schlittert in die katastrophe'

David Navarro sitzt im Halbdunkel der Pressekabine, die Stimme nur ein Flüstern, und gesteht: „Ich bringe die Nächte nicht mehr runter.“ Drei Monate ohne Durchschlafen, 14 Jahre ohne Hoffnung – der Real Zaragoza steht mit dem Rücken zur Wand, und sein Trainer trägt die Last auf Augenhöhe mit den Fans.

Der alptraum beginnt nach 23 uhr

„Wenn das Stadion leer ist, kommen die Gedanken“, sagt Navarro. Dann kreist der Kopf wie auf einer Achterbahn, die nur bergab fährt. Die Bilder vom 0:1 in Alcorcón, vom verpatzten Elfmeter gegen Amorebieta, vom Pfostenklopper in Huesca – sie schalten sich automatisch ab. „Die Leute draußen leben das seit 14 Jahren. Ich erst seit drei Monaten so intensiv. Aber das reicht, um zu begreifen: Abstieg wäre nicht nur sportlich, sondern gesellschaftlich ein Erdbeben.“

Dennoch weigert sich der 43-Jährige, die Flinte ins Korn zu werfen. „Warum soll ein Klub mit 32 Millionen Euro Jahresumsatz und 30 000 Dauerkarten freiwillig die zweite Reihe ziehen? Solange die Mathematik noch mitspielt, spielen wir weiter.“ Die Worte klingen wie ein Schwur, und er wiederholt sie, als müsse er sich selbst überzeugen: „Bis zum letzten Atemzug.“

Warum das team blockiert

Warum das team blockiert

Navarro hat die Zahlen parat: elf Verletzte zu Saisonbeginn, sieben Auswärtsspiele auf harten Plätzen in Folge, drei Treffer nur aus dem Laufspiel. „Wenn du jede Woche improvisieren musst, frisst das Hirnzellen“, sagt er. Die B-Lizen-Akteure vom Filial klopfen an die Tür, aber er traut sich nicht, alle vier gleichzeitig zu bringen. „Stell dir vor, 80. Minute, alles verbraucht, und du darfst keinen Feldspieler mehr wechseln. Dann bist du geliefert.“

Heute laufen Rober, Mensah Cumic und Jawad erstmals wieder mit der Gruppe. „Testlauf“, nennt Navarro das. Keiner der drei hat 90 Minuten in den Beinen, aber sie sind seine einzige Jokerkarte. „Wenn sie durchhalten, haben wir links hinten und zentral vorne wieder Druck. Ohne sie bleibt nur die lange Flanke auf einen 1,72-Meter-Stürmer – das ist kein Plan, das ist Roulette.“

Die angst vor dem point of no return

Die angst vor dem point of no return

Die Tabelle lügt nicht: drei Punkte zum rettenden Ufer, fünf Spiele Zeit. Navarro redet sich nicht schön, dass es an einem einzigen Faktor liegt. „Wenn ich eine Ursache nennen könnte, hätte ich sie längst eliminiert.“ Stattdessen summieren sich Mikro-Verletzungen, mentale Blockaden, Terminschwemme. „Die Jungs kommen vom Rasen und wissen: Jetzt wieder Lauftraining, weil die Datenbank sagt, wir seien unter Durchschnitt. Aber die Datenbank misst nicht, wie sehr sich ein Knie nach dem sechsten Hartplatzspiel anfühlt wie ein Feuerball.“

Und dann die Fans. Navarro fordert sie auf, sich im Rahmen zu bewegen, aber er weiß: Wut sucht Ventile. „Wenn wir am Sonntag gegen Logroño in Rückstand liegen, wird hier kein Sitzplatz mehr sicher sein.“ Die Polizei hat bereits ein Sondereinsatzkommeldung angekündigt. „Ich würde jeden verstehen, der einfach nur brüllt. Aber bitte: nach dem Abpfiff. In den 90 Minuten brauchen wir Schützenhilfe, keine Grabrede.“

Sein letztes gefecht

Navarro blickt auf die Uhr – 23.47 Uhr. In sieben Stunden steigt die Mannschaft ins Trainingsbus. „Ich habe den Jungs gesagt: Wer keine Lust mehr hat, soll jetzt gehen. Kein Streit, kein Nachfragen.“ Keiner ist gegangen. „Das ist mein Beweis, dass das Herz noch schlägt. Und solange es schlägt, haben wir eine Chance.“

Die Nacht wird wieder kurz. Aber vielleicht, sagt er leise, reicht ja auch eine einzige lange Nacht – die, in der endlich drei Punkte herausspringen. „Dann schlafe ich bis Montag durch.“