Kimmich zieht die schlinge zu: nur 100 % zählen, kein mythos

Joshua Kimmich schlägt mit der Faust aufs Podium, als wolle er dem Holz die letzte Illusion entreißen. „Wir sind kein Top-Favorit“, sagt er, und in diesem Satz steckt mehr Ehrgeiz als jedes PR-Gelaber. Der 31-jährige Kapitän der DFB-Elf hat die Rechnung ohne Nostalgie gemacht: 2018 war der Kader berauschend, das Ergebnis eine Blutgrätsche. 2022 wiederholte sich der Albtraum. Jetzt, vier Wochen vor dem ersten Test in Basel, fordert er den American Dream in Stahlfarbe: verschwitzt, laut, ohne Netz.

Der plan steckt in nagelsmanns stiefel

Julian Nagelsmann lässt den Ball im Training gegen den Pfosten sausen – ein lautloses Statement. Dahinter steckt eine taktische Schablone, die sogar Kimmichs Mhein Mutter nur stockend versteht. Spielaufbau mit Wechselkleid: Innenverteidiger rücken ins Mittelfeld, die Außen rotieren, der Sechser wird zum falschen Neun. „Mehr Variabilität“ nennt der Kapitän das, aber die Sprache seiner Körperhaltung verrät: Es geht ums Überleben, nicht ums Kunststück.

Am Freitag gegen die Schweiz, drei Tage später gegen Ghana, wird diese Idee auf Herz und Nieren geröntgt. Nagelsmann fehlen mit Musiala, Pavlovic, Nmecha und Leweling vier Protagonisten, die seine Fußnoten beherrschen. Die Lösung: Jonas Urbig und Lennart Karl dürfen ihr „Scheißegal“-Gen zeigen. Alfred Schreuder brüllt „Take some risk!“, der belgische Athletikcoach Geers stoppt die Uhr nicht einmal für Wasserpausen. Wer jetzt zögert, fliegt – und zwar nicht nach Amerika.

Wm-kader: die waage zwischen können und kameradschaft

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Kimmich redet nicht um den heißen Brei herum. „Der beste Kader nützt nichts, wenn das Team nicht raucht.“ Dahinter steckt die Erkenntnis aus zwei Vorrunden-K.o.s: Talent ohne Kollektiv ist ein Bier ohne Schaum. Deshalb hat er neben jedem Trikot in der Kabine einen Zettel geklebt: 100 % Einsatz, 0 % Instagram-Show. Die Slowakei, 6:0 im November, war ein Aperitif. Die Vorrunde in den USA wird das Menü. Wer da nicht bei Tempo 200 mitzieht, landet auf der Bank – oder im Flieger nach Hause.

Die Bilanz ist brutal: Seit 2014 wartet Deutschland auf den fünften Stern. Die Konkurrenz schläft nicht. Frankreich mischt Alt und Jung, Brasilien tanzt wieder, Argentinien trägt den Titel wie einen Panzer. Kimmich weiß: Nur wenn sich 26 Egos zu einer Hydra verzahnen, entsteht etwas, das sich nicht auf Excel tabellen lässt. „Wenn der erste Ball rollt, zählt nur, wer bereit ist, sich zu verheizen“, sagt er und meint damit sich selbst. Der Kapitän wird nicht mehr 32 Jahre alt in Katar, sondern 32 Jahre alt in einem Viertel- oder Halbfinale – das hängt jetzt von 90 Minuten in Basel ab.

Der Countdown läuft. Tick, tack. Tick, tack. Und Kimmichs Faust ruht schon auf dem Tisch – als wolle er die Sekunden persönlich in die Pfanne hauen.