Kimmich zerreißt favoriten-mythos: 2018 warnt vor 2026
Joshua Kimmich schlägt die Brücke zwischen zwei WM-Desastern – und will sie endlich einreißen. „2018 hatten wir vielleicht den besten Kader der Welt und wissen, wohin uns das geführt hat“, sagt der DFB-Kapitän und schickt damit seinen eigenen Verband vor den Testspielen in der Schweiz und gegen Ghana eine Kampfansage.
Die achse, die den traum tragen muss
Was wie Selbstkritik klingt, ist taktischer Präzisionsstahl. Kimmich spricht von einer „Achse, die sich einspielen muss“ – gemeint sind die Schnittstellen zwischen Tor, Innenverteidigung und seiner Sechser-Position. Drei Monate vor der WM in den USA, Mexiko und Kanada tickt die Uhr lauter als jemals zuvor. Die 6:0-Gala gegen die Slowakei im Herbst war kein Schönwetterspiel, sondern die Visitenkarte für Julian Nagelsmann: Balleroberung nach 2,3 Sekunden, 73 Prozent Spielkontrol, null Gegenstoß.
Doch der 31-Jährige weiß: Schönwetter reicht nicht, wenn im Juli in Dallas die Temperatur auf 38 Grad klettert und der Gegner aus Südamerika kommt. „Wir sind keine Topfavoriten“, sagt er – und meint damit nicht Bescheidenheit, sondern Realpolitik. Brasilien, Argentinien, Frankreich: Die drei haben nicht nur Stars, sondern auch TurnierDNA. Deutschland hat seit 2014 nur noch Kater.

Die 106-länder-frage
Kimmich trägt 106 Länderspiele auf den Rippen, daraus resultiert eine klare Hierarchie. Kein „ich“, kein „wir“, sondern „jeder muss sich dem großen Ganzen unterordnen“. Das klingt nach Bundeswehr, ist aber Fußball-Physik: Ein 4-2-3-1 funktioniert nur, wenn der Sechser denkt wie ein Schachspieler und nicht wie ein Instagram-Star.
Gegen die Schweiz und Ghana geht es nicht um Folklore, sondern um Millisekunden. Die Automatismen, die 2018 fehlten, als Mexico einen Konter nach 25 Sekunden nutzte. Die Laufwege, die 2022 gegen Japan im Eimer waren. „Zwei positive Ergebnisse“ sind schön, sagt Kimmich, „aber die Herangehensweise muss zweimal identisch sein“. Translation: Kein Test, der nach 60 Minuten in den Tourismus umschaltet.
Die Botschaft ist angekommen. In der Bayern-Kabine nennt man ihn „Leutnant“, bei der DFB-Elf ist er jetzt General. Wer nicht läuft, fliegt – keine Diskussion. Die WM 2026 wird keine Schönheitskonkurrenz, sondern ein Sechs-Wochen-Krieg. Kimmich hat die Kampfordnung unterschrieben. Ob seine Kollegen folgen, entscheidet sich in Genf und Stuttgart. Danach gibt keiner mehr die Schuld an 2018 oder 2022 – nur noch an sich selbst.
