Juve drückt wie verrückt, trifft aber kaum: spallettis geheimwaffe versiegt im strafraum

230 Mal schlug die Juventus im Angriffsdrittel zu – und nur zweimal flackerte das Netz. Luciano Spalletti hat aus Turin eine Pressing-Maschine gezimmert, doch der finale Punch fehlt. Die Zahlen sind ein Offenbarungseid: Kein Serie-A-Klupp erobert öfter den Ball in Reichweite des gegnerischen Tors, keiner feuert danach so oft ab. Nur die Inter bringt ähnlich viele Schüsse zustande, hat daraus aber schon sechs Tore erzielt. Die Juve steht bei zwei.

Der ball ist da, das tor nicht

Was auf den Rasen flimmert, ist ein Spiegelbild der Tabelle: Die Alte Dame dominiert die Laufstatistik, kriecht aber in der Ergebnisspalte nur im Schritttempo nach oben. Die 54 Abschlüsse nach Balleroberung klingen nach Druck, wirken aber wie Schaum. Ein Treffer pro 27 Versuch – das ist ein Quäntchen über dem Zufallstreffer, den man sich mit geschlossenen Augen erhofft.

Spalletti, 67, studiert das Puzzle jeden Morgen auf der Continassa neu. Er will kein Dauerpressing, sondern ein „intelligentes“ – ein Klicken der Spieler in bestimmten Räumen, wenn der Gegner den Ball auf die schwache Fußseite verlagert. Klappt der Sekundenklau, zieht die Juve das Tempo an, spielt sofort in die Rückhand des Gegners. Theorie und Praxis klaffen aber auseinander. Zu oft verpufft die Aktion im letzten Pass, zu oft fehlt der Läufer im Zentrum, der die Lücke stopft.

Warum die kugel nicht reinrollt

Warum die kugel nicht reinrollt

Ein Blick auf die Heatmaps verrät: Die meisten Ballgewinne liegen zwischen Strafraumkante und rechten Halbraum. Genau dort aber hat Spalletti keine fertige Doppelbesetzung. Kenan Yıldız und Teun Koopmeiners kommen spät aus der Tiefe, Dusan Vlahović wartet zwischen beiden Innenverteidigern auf Zündstoff. Die Lösung ist klar, aber nicht einfach: Ein zusätzlicher Stoßstürger muss den ersten Kontakt gewinnen, damit der zweite Ball nicht beim Gegner landet.

Die Inter schafft das mit Lautaro Martínez und Mehdi Taremi, zwei Spielern, die sich in der Box gegenseitig freilaufen. Bei der Juve bleibt Vlahović zu oft allein, weil die Außenstürmer erst vom Flügel zurückrutschen müssen. Sekundenbruchteile entscheiden über Treffer oder Abpraller – und die verliert Turin momentan durchgehend.

Die gute nachricht, die keiner hören will

Die gute nachricht, die keiner hören will

Trotzdem: Die Mentalitätswende ist da. Wer in den 80er-Jahren noch Catenaccio predigte, diskutiert heute über Balleroberungswahrscheinlichkeiten. Spalletti hat die Mannschaft auf einen Modernisierungskurs geschickt, der sich langfristig auszahlen kann. Die Lunge arbeitet, die Beine laufen, der Gegner wird wackelig. Nur das Hirn im Strafraum tickt noch nicht synchron.

Die Saison ist jung, die Tabelle eng. Wenn die Juve die Conversion-Rate nur auf ein Sechstel verbessert – ein Tor alle neun statt alle 27 Versuche –, rückt die Champions-League-Rangierung in greifbare Nähe. Spalletti weiß: Er kann nicht neue Stürmer kaufen, aber er kann neue Laufwege einstudieren. Der nächste Gegner wartet schon. Das Netz auch. Und irgendwann wird es zittern – wenn das Pressing endlich einen Abschluss findet, der nicht nur Schaum ist.