Johanna recktenwald verpasst podest um 3,4 sekunden – und wird zur heldin des tages
3,4 Sekunden. So wenig trennten Johanna Recktenwald von ihrer zweiten Paralympics-Medaille – und so viel erzählen sie über den Sport, der Blindheit sichtbar macht. Die 27-jährige Saarländerin jagte im italienischen Valle di Fiemme durch Schneegestöber, stolperte über eine Schneekante, traf trotzdem, verlor dann aber beim zweiten Schießen durch einen Treffer neben der Scheibe jene Sekunden, die später zwischen Ruhm und Rang vier liegen. Vierte. Bronze weg. Und trotzdem: Das Rennen wurde zum Jahrhundertmoment.
Recktenwald liefert ohne stammguide ein meisterwerk ab
Normalerweise läuft Emily Weiß vor ihr, das Headset in der Skistockhand, die Stimme als Kompass. Doch Weiß lag im Quartier mit Fieber flach. Ersatzguide Lukas Böhm kannte die Tonlage von Recktenwalds Atem erst seit zwei Trainingseinheiten. „Ich habe ihm gesagt: Rede einfach. Hauptsache, du redest“, sagte sie nach dem Ziel. Die Stimme ihres Guides war ihr Sehstock, und sie lief wie eine Sichtige: 7,5 km in 23:48 Minuten, 98 % Trefferquote, nur ein Fehler. Die Konkurrentin aus Ukraine, Oksana Shyshkova, nahm mit 23:44 Minuten Bronze mit. Recktenwald atmete einmal tief durch, schüttelte den Kopf – und lächelte.
Das Lächeln war echt. Kein Trostpreis, sondern Kampfgeist. „Ich wollte heute beweisen, dass ich auch ohne Em funktioniere. Das ist mir gelungen. Die Medaille wäre Sahne gewesen, aber ich nehme diesen vierten Platz mit Stolz nach Hause.“

Die strecke war ein pulverfass – und das deutsche team zündelt
Am Vormittag hatte der Schneefall auf 15 Zentimeter neue Pulverschnee gelegt, die Organisatoren streckten die Kurven, um Speed zu drosseln. Die Athleten mit Sehbehinderung fuhren trotzdem 60 km/h. Recktenwald fuhr 63. „Die Bretter wollten einfach nur noch laufen“, sagte sie. Die Zeitmessung lief über transpondorgeführte RFID-Chips in den Skistiefeln; jede Zehntelsekunde landete live im Leistungsdatenzentrum Berlin. Dort schauten Bundestrainer Frank Schönfeld und Nationalcoach Klaus Bielefeld auf die Monitore. Als Recktenwald ins Ziel glitt, schlug Schönfelf die Hand auf den Tisch: „Das war Weltklasse!“
Deutschland liegt nach drei von fünf Biathlon-Bewerben bei den Winterspielen mit einer Gold-, zwei Silber- und zwei Bronzemedaille vorn – mehr als jemals zuvor. Recktenwalds Einzel-Bronze vom Sonntag war der erste Edelmetall-Gewinn einer saarländischen Athletin seit 1994. Der vierte Platz von heute katapultiert sie in die Top-Ten der Gesamtwertung. Am Samstag steht die Staffel an. Mit Weiß zurück im Team will sie Geschichte schreiben – und vielleicht holt sie sich diese 3,4 Sekunden zurück.
Dann wird das Tal wieder schweigen, nur das Sirren der Skier und das Kommando des Guides bleiben. Recktenwald weiß: „Sport ist kein Märchen, er ist ein Gefecht gegen die Uhr. Und ich habe noch eine Rechnung offen.“
