Jeanmonnot vor dem coup auf dem holmenkollen
Lou Jeanmonnot kann schon heute die große Krönung vorzeitig klarmachen. Der gelbe Trikot der französischen Läuferin reicht beim Sprint von Oslo (16.15 Uhr) ein solides Rennen, und der Gesamtweltcup ist ihr. Drei Wochen vor dem Finale steht sie bei 201 Punkten Vorsprung auf die Finnin Suvi Minkkinen – ein Polster, das bei 90 Zählern für den Sieg nur dann schmilzt, wenn sie selbst stolpert und die Nordische vor ihr durch die Ziellichtkamera flitzt.

Deutsche damen jagen den saison-flucht nach
Für den DSV geht es ums Prestige, nicht um Kristall. Janina Hettich-Walz, in Otepää noch Vierte, führt ein Sechser-Korps an, das sich in der Luft der norwegischen Hauptmal einschießen will. Marlene Fichtner, Selina Grotian, Julia Kink, Julia Tannheimer und Vanessa Voigt wissen: Ein Podest wäre ein Exclamation Point hinter eine bislang schwache Saison.
Die Zuschauer bekommen ein Feuerwerk an Angebote. ZDF und Eurosport senden linear, ZDF, Joyn, DAZN und HBO Max zeigen Streams, Sport1 tickert live. Die Frage ist nicht, wo man hinschaut, sondern wie lange Jeanmonnot die Nerven behält. Vor einem Jahr verlor sie die Entscheidung gegen Franziska Preuß in der letzten Runde. Diesmal soll der gelbe Flicken nicht mehr weichen.
Holmenkollen ist kein gewöhnlicher Berg. Es ist das Theater, in dem Ole Einar Bjørndalen einst Legenden schrieb und Magdalena Forsberg die Krone der Königin erhielt. Wer hier gewinnt, trägt nicht nur Punkte davon, sondern auch Stimmung für die Sommervorbereitung. Die Athleten sprechen vom „Oslo-Blues“: die Mischung aus Kälte, Nebel und dem Druck von 30.000 Fans, die jeden Schritt mitbrüllen.
Die Französin hat die Zahlen auf ihrer Seite. Sollte sie heute nur Platz fünf oder besser werden, ist der Gesamtweltcup rechnerisch fix. Die Konkurrentin Minkkinen muss gewinnen, Jeanmonnot außerhalb der Top-15 landen und dann im Verfolgern und der Massenstart hoffen. Ein Szenario, das sich selbst im Nordischen Urwald kaum ausmahlt. Trotzdem zuckt Trainer Stéphane Bouthiaux mit den Schultern: „Lou weiß, dass Gelb nicht vor Schießen schützt.“
Die Deutschen haben ihre Hausaufgaben schon vor dem Start erledigt. Hochdrucktraining in Ruhpolding, mentale Aufbereitung durch Sportpsychologin Katja Karmann, neue Skirollen, die in der Prüfstrecke 0,3 Sekunden pro Runde sparten. Die Botschaft des DSV lautet: Wir kommen nicht als Statisten. Hettich-Walz’ Vater schickte ihr gestern eine Sprachnachricht: „Fahr so, als wäre es dein letztes Rennen – dann wird es dein bestes.“
Am Ende des Tages steht eine Zahl, die lauter ist als alle Trompeten von Oslo: 181. Alles unter diesem Vorsprung bedeutet, dass Jeanmonnot zwei Rennen vor Schluss Geschichte schreibt. Alles darüber öffnet die Tür für ein Drama, das sich bis Kontiolahti zieht. Die Französin wird sich nicht verstecken. Sie hat den Vorteil, sie hat das Trikot, und sie hat die Erinnerung daran, wie bitter Zweiter sein kann. Wer den Holmenkollen bezwingt, der trägt im Frühling schon mal die Krone – und Lou Jeanmonnot weiß: Heute kann sie endlich aus der Vergangenheit ausbrechen.
