40 Jahre „wunder von der grotenburg“: uerdingens 7:3 war ein furor, kein fußball

19. März 1986, 21.47 Uhr: Schiri Zimmermann pfeift ab, die Grotenburg bebt wie nach einem Erdstoß, und Werner Vollack kniet sich noch mit 29 Jahren zwischen Pfosten und Torraum in den Schlamm. „Ich konnte nicht mehr aufstehen“, sagt er heute, „weil meine Beine zitterten wie nach einem Sprint ums Leben.“

Was sich an diesem Abend in Krefeld ereignete, war kein Spiel mehr – es war ein Exzess. Bayer 05 Uerdingen lag zur Pause 1:3 zurück, das Hinspiel 0:2 verloren, die Koffer gepackt, die Fans halb weg. Dann schlug eine Stunde ein, die sich selbst dem Duden verweigert: 7:3, Europapokal der Pokalsieger, Viertelfinale. Seitdem nennen es die Menschen hier einfach „das Wunder“, als gäbe es kein zweites.

Die kabine war ein sarg, bis herget das schweigen brach

Matthias Herget, Kapitän, Kämpfer, Kölner Jung, warf die Tür zum Flur auf und brüllte: „Lasst euch nicht noch mehr vorführen!“ Totenstille, erinnert sich Vollack. „Wir saßen da, die Handtücher vorm Gesicht, und keiner traute sich zu atmen. Aber diese vier Sätze – die haben uns wieder auf die Beine gezogen.“

Wolfgang Funkel verwandelte den Anschlusspfosten per Elfmeter, 58. Minute. Dann riss der Damm. Minge schoss ins eigene Netz, Schäfer traf, Klinger tankte sich durch halb Dresden, wieder Funkel vom Punkt – 6:3. Schäfers Solo zum 7:3 war nur noch die Zündung des Feuerwerks. „Als der Ball drin war, wusste ich: Das hier ist keine Partie mehr, das ist ein Sturm, der alles mitreißt“, sagt Funkel, heute 67, damals 27 und unantastbar.

Dresdens sterne erloschen in 29 minuten

Dresdens sterne erloschen in 29 minuten

Klaus Sammer, Trainer der DDR-Meister, hatte vor dem Spiel noch von Professionalität gesprochen. Dann sah er, wie seine Mannschaft – mit Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Dixie Dörner – binnen einer Halbzeit von der Geschichte verschluckt wurde. „Wir waren nicht müde, wir waren gelähmt“, gestand Torwart Jörg Weißflog später. „Die Grotenburg war kein Stadion, es war ein Kessel, und wir waren das Wasser darin.“

Uerdingen zog ins Halbfinale ein, verlor dort gegen Atlético Madrid, aber das war nebensächlich. Der Pokal ging an Dynamo Kiew – Blochin, Belanow, Lobanowskyj –, doch wer spricht noch von ihnen? Die Nacht von Krefeld lebt, weil sie beweist: Fußball folgt keiner Logik, sondern dem Herzschlag von 25 000, die glauben, bis der Glauben sie trägt.

Heute steht der klub in der oberliga, die grotenburg ist abgerissen

Heute steht der klub in der oberliga, die grotenburg ist abgerissen

Der KFC Uerdingen spielt jetzt in der Oberliga Niederrhein, das alte Stadion gibt es nicht mehr, Asphalt und Baustellen ersetzen den Rasen, auf dem einst Funkel tanzte. Doch die Erinnerung ist roh, nicht verpackt. Bei der Jubiläumsfeier schalten sie sich Kalli Feldkamp, 91, per Video zu, die Funkel-Brüder sitzen in der ersten Reihe, Vollack erzählt, wie er nach dem Schlusspfiff nur noch weinen konnte.

Und wenn am Abend das Originalvideo läuft, werden die Zuschauer nicht einfach zuschauen – sie werden wieder 20, 30, 40 Jahre jünger. Weil 90 Minuten reichen, um ein Leben zu verändern. Weil Fußball manchmal kein Spiel ist, sondern ein Versprechen: Dass das Unmögliche nur eine Halbzeit entfernt liegt, wenn du bereit bist, alles zu riskieren.