Jacobs sprintet in 9,96 sekunden – und will alle rekorde für sich
Marcell Jacobs hat den Wind von Paris ausgenutzt. 9,96 Sekunden über 100 Meter, null Wind, dritter Platz hinter dem übermächtigen Noah Lyles. Doch der Italiener blickt schon weiter. Seine nächste Station: Eisenstadt, Österreich. Und danach? Birmingham, wo er Geschichte schreiben will.
Der fehler am start kostete drei hundertstel
Jacobs ist ein Perfektionist. Nach dem Rennen in der französischen Hauptstadt zog er sofort Bilanz. „Ich habe am Start falsch reagiert“, gab er zu. Drei Hundertstel verlor er gegenüber seinem Auftritt in Rom bei der Reaktion auf den Startschuss. Die ersten drei Schritte fehlte die gewohnte Explosivität.
Trotzdem: 9,96 Sekunden. Lyles schlug ihn nur um vier Hundertstel. Jacobs lässt die Rechnung auf: „Ohne diese Fehler weiß ich nicht, wie das Rennen ausgegangen wäre. Aber ich konzentriere mich auf mich selbst, auf meine Bewegung, meinen Lauf."

Von paris nach wien – die simulation eines mehrkampfturniers
Der 29-Jährige liebt diese Belastung. Meeting um Meeting, wie bei einer großen Meisterschaft. Nach dem Diamond-League-Rennen am Sonntag flog er direkt nach Wien, um am Mittwoch bei der Silber-Tour in Eisenstadt anzutreten. Dort will er Batterie und Finale laufen – genau wie bei den Europameisterschaften in Birmingham vom 10. bis 16. August.
Die Organisatoren versprechen „ garantierten Rückenwind". Für Jacobs ein willkommenes Argument. Die Bahn in Eisenstadt gilt als schnell, die Bedingungen für Sprinter ideal. Letztes Jahr flog der Jamaikaner Bryan Levell dort in 9,82 Sekunden – allerdings mit 1,3 Metern Rückenwind pro Sekunde.

Drei goldmedaillen wie borzov und christie
Jacobs träumt von einer historischen Serie. Valeri Borzow gewann von 1969 bis 1974 drei Europameistertitel über 100 Meter. Linford Christie wiederholte das Kunststück von 1986 bis 1994. Jacobs will in diese Fußstapfen treten – und dann weiter.
„Ich habe wieder Hunger, sehr viel Hunger", sagt er. Aber er will mehr als nur Gold. „Ich hätte gerne gewisse Rekorde ganz für mich allein. Wenn ich das Triple wirklich schaffe, wer weiß, vielleicht ziele ich dann auf Chorzów 2028."
Die Konkurrenz wird er nicht unterschätzen. Romell Glave, der ihm vor 40 Tagen in Savona eine Lektion erteilte. Owen Ansah, frisch deutscher Rekordhalter. Brendon Rodney und Wayde van Niekerk, beide Olympiateilnehmer. Jacobs' Antwort: „Ich habe die Gegner noch nicht studiert. Ich denke nur an mich selbst."

Camossi, monti und das monastische leben in rom
Hinter dem Erfolg steht ein Team. Paolo Camossi, sein Trainer, verstehe und manage seine physischen und technischen Bedürfnisse perfekt. Seit Januar begleitet ihn der Physiotherapeut Alessandro Monti wie ein Schatten – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. „Für mich wichtiger als jeder andere Aspekt", betont Jacobs. Die Verletzungsprävention hat oberste Priorität.
Das Leben in Rom gestaltet sich asketisch. „Ich führe ein monastisches Leben", beschreibt er es. Von der Acquacetosa zum Trainingsgelände der Fiamme Azzurre in Casal del Marmo. Höchste soziale Aktivität: die Mahlzeiten in der Mensa. Sein Körper dankt es ihm mit optimaler Regeneration.
Was er vermisst? Seine Familie in Florida. „Vor allem Nicole und die Kinder, das Chaos zu Hause, die Hunde." Sein Sohn Anthony hat sogar aufgehört, Motocross zu fahren – weil niemand ihn begleitet. Doch Jacobs bleibt fokussiert. Die Europameisterschaft ruft.
Die Medaillenjagd beginnt in Birmingham. Und Jacobs wird nicht allein kämpfen. Auch in der 4-mal-100-Meter-Staffel will er als Titelverteidiger antreten. Die Teamkollegen haben sich bisher wenig gezeigt, verschiedene Blessuren bremsten. Doch Jacobs bleibt zuversichtlich: „Wir werden die Haut teuer verkaufen." Ein gemeinsames Trainingslager Ende Juli nach den italienischen Meisterschaften in Florenz soll die Weichen stellen.
