Italiens wm-trauma: zwölf jahre leere, neue helden

Vor genau zwölf Jahren verabschiedete sich Italien mit einem 0:1 gegen Uruguay aus Brasilien 2014 – und aus der Weltmeisterschaft. Seitdem wartet die Squadra Azzurra auf die Rückkehr auf die größte Bühne. Die Generation, die diesen Sonntag in Leipzig gegen Nordmazedonien ran muss, war damals noch im Kinderzimmer.

Ein sturm zog auf, nur einer war schon profi

Gianluigi Donnarumma, 15, hütete gerade die Bude der U-17 von AC Milan. Nicolò Barella und Federico Dimarro tobten noch auf den Plätzen von Cagliari und Inter, beide gerade mal 11 Jahre alt. Der älteste der aktuellen Kader, Matteo Politano, war 21 – und schon ein Jahr lang Profi. Die anderen? Sandro Tonali spielte mit 14 noch mit dem Panini-Album, Alessandro Bastoni war gerade vom Namen aufs Trikot gekommen. Die meisten kannten die Namen Marchisio oder Balotelli nur von der PlayStation.

Die Zahlen sind hart: vier verpasste Turniere in Folge, 2018 und 2022 ohne Qualifikation, 2021 dafür den EM-Titel – ein Trostpflaster, mehr nicht. Der Verband berechnete intern: jeder Tag ohne WM kostet rund 1,3 Millionen Euro an Sponsoring und TV-Prämien. Die Summe summiert sich auf über eine Milliarde Euro entgangener Einnahmen.

Die qualifikation ist kein selbstläufer

Die qualifikation ist kein selbstläufer

Spielberg in Kärnten, 24. Juni 2014, 78. Minute: Diego Godín köpft ein, Uruguay jubelt. Damals ahnte niemand, dass dies der Beginn einer Durststrecke wird. Heute, mit Blick auf die Play-offs März 2025, steht dieselbe Frage im Raum: reicht es wieder nicht? Die Gruppe mit Deutschland, Ungarn und Nordmazedonien gilt als machbar, doch die italische Fußballseele ist gerade erst vom EM-Achtelfinal-Aus gegen die Schweiz gezeichnet.

Luciano Spalletti, seit einem Jahr im Amt, hat den Kader um 30 Prozent verjüngt. Kein Spieler ist älter als 31, der Schnitt liegt bei 25,3 Jahren. Das ist kein Zufall: die alte Garde um Chiellini, Bonucci und Insigne ist Geschichte. Die neue soll schneller, verticaler, unberechenbarer werden. Die Testspiel-Bilanz seit Spallettis Amtsantritt: 7 Siege, 4 Remis, 2 Niederlagen – Tordifferenz plus 14. Die Zahlen täuschen aber: gegen Top-10-Nationen (Spanien, Frankreich, Argentinien) gab es noch keinen Sieg.

Die Fans sind gespalten. Die Ultras der Curve Sud in Rom pfeifen bereits, wenn Retegui die Kugel nicht in der zweiten Station mitnimmt. Die Jugendlichen dagegen feiern Dimarcos Flanke wie ein Tor, weil sie bei TikTok gelernt haben, dass Querpassen sexy sind. Die Spaltung zwischen Erwartung und Realität ist größer denn je.

Die uhr tickt lauter als der schiedsrichter

Die uhr tickt lauter als der schiedsrichter

Nach der Partie am Sonntag stehen nur noch sechs Länderspiele bis zur Endrunde. Sechs Chancen, die Abwehr zu stabilisieren, die Torgefahr außerhalb des Strafraums zu erhöhen, die Nerven zu streicheln. Die letzte Statistik, die Spalletti vor dem Schlaf nicht aus dem Kopf geht: Italien kassierte in den letzten 14 Pflichtspielen 18 Gegentore – nur Liechtenstein war im selben Zeitraum öfter fällig.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Wer 2014 noch Kinder waren, sollen 2026 in den USA, Kanada und Mexiko endlich wieder Fußball-Geschichte schreiben. Die erste Hürde heißt Nordmazedonien, jene Mannschaft, die bereits 2022 in Palermo für die große italische Blamage sorgte. Wenn es wieder nicht reicht, droht nicht nur ein weiteres Jahr WM-Abstinenz – sondern eine ganze Generation, die nie auf der weltgrößten Bühne stand. Die Zeit läuft. Und sie läuft gegen Italien.