Italiens leichtathletik fliegt zu wm ohne dach über dem kopf
Gold in der Tasche, aber kein Hallendach über den Köpfen – Italiens Mittelstrecken-Asse starten in die Indoor-WM als sportliche Großmacht und infrastrukturale Schattenexistenz. Giorgio Rondelli, Mentor einer ganzen Generation, schlägt mit der Faust auf den Tisch: „Wir gewinnen Medaillen, obwohl wir kaum zwei funktionierende Hallen haben.“
Ein paradox aus beton und blech
Ancona. Eine einzige Anlage, 100 % einsatzbereit. Padua. Halbwegs brauchbar, aber zu klein für echte Titelkämpfe. Mehr bietet der Stiefel nicht. „Unsere Sprinter und Mittelstreckler trainieren im Winter im Ausland, weil sie müssen, nicht weil sie wollen“, sagt Rondelli. Die Rechnung: Hotelzimmer, Flüge, Startgebühren – alles bezahlt aus Ehrenamt und Sponsorverträgen, während andere Nationen in Multifunktionsarenen mit Klimaanlage und 200-Meter-Bahn duschen.
Die Konsequenz ist ein exodusartiges Pendeln. Yemaneberhan Crippa, 1500-m-Hoffnung, absolvierte seine wichtigsten Testrennen in Karlsruhe und Metz. Nadia Battocletti, mit der 3000 m in 8:41 min die schnellste Europäerin, warf sich in Boston und New York in Schale. „Wir reisen, als hätten wir ein zweites Zuhause am Flughafen“, lacht sie, doch der Ton klingt dünn.

Brescia soll retten, was rom verschlafen hat
2025 kommt eine neue Halle in Brescia. 8000 Plätze, 200-m-Oval, hydraulische Bodenplatten. „Endlich“, sagt Rondelli, „aber ein einziger Neubau reicht nicht, um ein ganzes System zu kitten.“ Der Bund plant 42 Millionen Euro für den Breitensport bis 2027 – ein Betrag, den allein Paris für seine neue Leichtathletik-Arena aufbrachte. Italien steckt sich die Goldmedaille ans Revers, während der Rohbau der Zukunft noch im Planungsstatus verharrt.
Die Athleten selbst drehen nicht mehr mit. Sie fordern ein nationales Sanierungsprogramm, statt immer nur „miracolo italiano“ zu zitieren. Lorenzo Patta, 60-m-Sprinter mit 6,55 s Saisonbestzeit, formuliert es nüchtern: „Wir wollen keine Wunder mehr, wir wollen Arbeitsbedingungen.“
Die WM beginnt am 1. März in Glasgow. Die Azzurri reisen mit sieben realistischen Medaillenchancen an – und mit Koffern voller Startnummern aus fremden Hallen. Wenn der erste Sieg fällt, wird niemand feiern, dass es trotzdem klappte. Sondern allen klar sein, dass es nur deshalb klappte, weil Talente sich nicht von Beton aufhalten lassen.
