Italiens juwel coletta flüchtet nach lissabon – und wird dort zum regisseur

Federico Coletta steht am Flugsteig, 18 Jahre alt, Rucksack voller Träume, Koffer voller Abschied. Rom bleibt zurück, der Collatino wird zur Erinnerung. Vor ihm liegt Lissabon, ein Klub namens Sporting, ein Trainer, der ihn als „Roboter mit Kamera im Kopf“ beschreibt. Das ist keine Flucht, das ist Flucht nach vorn.

Was kaum jemand in Italien mitbekommt: Coletta hat in der Youth League bereits gegen Real Madrid und Manchester City gespielt. Gegen Erling Haaland hatte er mehr Ballkontakte als jeder andere. Die Statistiker notieren: 92 Prozent Passquote, 14 Balleroberungen, drei Vorarbeiten. Zahlen, die in Italien nur selten auftauchen, weil sie in unserer Liga nicht entstehen.

Der strategische exodus

Der Junge traf seine Entscheidung nach einem halben Jahr bei Sassuolo. Dort war er Top-Torschützen der U-17, aber der Weg zur Primavera war verbaut von Leihgaben und Zweitvertretungen. „In Portugal bekomme ich jede Woche 90 Minuten, in Italien hätte ich vielleicht 20 gemacht“, sagt er am Telefon, während draußen die Tejo-Bridge leuchtet. Sein Vater, ein Postbeamter, hatte die Unterlagen auf dem Küchentisch ausgebreitet: Angebot Sporting, Kontrakt bis 2027, Klausel von 60 Millionen. Darunter ein Zettel mit der Frage: „Was ist wichtiger, Geld oder Spielezeit?“

Die Antwort kam prompt. Sporting-Legende Ruben Amorim setzte Coletta sofort ins Mittelfeldzentrum. Sein Debüt in der Liga portuguesa folgte drei Monate später. 73 Minuten, 54 Pässe, kein Fehlpass. Die TV-Kommentatoren nannten ihn „il professore“. In Rom dagegen wüsste man kaum, dass er weg ist.

Die italische blamage

Die italische blamage

Luca Reggiani war der erste Warnschuss. Acht Jahre lang ignorierte das italienische System sein Talent, dann explodierte er in Dortmund. Jetzt folgt Coletta demselben Muster. Die FIGC schickt zwar Scouting-Teams nach Lissabon, doch die Berichte bleiben in Schubladen liegen. Kein Nationaltrainer ruft an. Stattdessen buhlen Portugal und England um seine Loyalität. Die FIFA-Regel erlaubt den Wechsel der Nationalität, wenn kein Einsatz in der A-Nationalmannschaft erfolgt. Coletta besitzt einen deutschen Pass über seine Mutter – ein weiteres Land, das klug genug wäre, ihn zu holen.

Lo scandalo non è che se ne vada; lo scandalo è che nessuno lo ha mai davvero visto. In Italia zählen wir weiterhin Balljungen mit Muskeln, statt Spieler mit Hirn. Coletta aber denkt schneller als sein Schatten. Sein Trainer bei Sporting sagt: „Er weiß, wo der Ball in drei Sekunden landet, nicht wo er gerade ist.“ Genau diese Eigenschaft fehlt unserem Fußball seit Jahren.

Am Freitag trifft Sporting auf Porto. Coletta steht in der Startelf. 50 Millionen Euro Ablöse stehen im Raum, Liverpool und Newcastle lauschen. Wenn er trifft, wird es wieder heißen: „Wie konnte Italien ihn nur verlieren?“ Die Antwort ist einfach: Wir haben ihn nie gehabt. Er war nur auf Durchreise.