Italien trifft bosnien: als weltmeister kamen sie 1996 in ein kriegsgebiet – heute geht’s um die wm
Sarajewo, 6. November 1996, 13.30 Uhr: Die Lichter im Kosevo-Stadion funktionieren noch nicht, das Leitungsnetz ist von Granaten zerfetzt, das Riesen-Display mit Einschusslöchern verhüllt. Trotzdem stehen 40.000 Menschen dicht gedrängt auf den Rängen, denn die frischgebackenen Vize-Weltmeister aus Italien sind zum Freundschaftsspiel angereist – und die bosnische Nationalmannschaft, erst seit zwölf Monaten FIFA-anerkannt, spielt ihr allererstes Heimspiel.
Salihamidzic trifft, belic siegt – und ein land weint vor stolz
Hasan Salihamidzic, damals 19, jagt den Ball nach fünf Minuten unter Gianluca Pagliuca. Fabio Chiesa gleicht aus, aber Senad Belic macht den 2:1-Endstand perfekt – den ersten Sieg der „Drachen“ überhaupt. Die Bilder gehen um die Welt: ein Triumph, der größer ist als Fußball, ein Signal, dass das zerbombte Land wieder am Leben teilnimmt. Bruno Pizzuls legendärer Kommentar: „Dieses Ergebnis wird in die Annalen eingehen.“
Heute, 28 Jahre später, treffen dieselben Verbände in Zenica erneut aufeinander – diesmal mit Blick auf die WM 2026. Die Spieler sind andere, die Brisanz bleibt. Denn obwohl die Bosnier seit Monaten ohne Sieg und fast abgeschlagen in der Gruppe, wittern sie im heimischen Bilino Polje eine Chance. Das Stadion liegt in einem Talkessel, die Zuschauer stehen auf den Zinnen, der Rasen ist rau, der Gegner nie willkommen.

Dimarcos tanz und dzekos löschaktion
Die Vorgeschichte liefert Social-Media-Futter: Federico Dimarco tanzte nach dem Elfmeter-Krimi in Cardiff vor den Fans – ein Video, das in Sarajevo als Provokation galt. Edin Dzeko, neun Jahre Serie A, Inter-Milano-Legende, schlichtete via WhatsApp. „Er schrieb, er wollte niemanden beleidigen. Ich antwortete: ‚Wovon redest du? Es gibt kein Problem‘“, sagt Dzeko. Auch Gattuso stellte klar: „Wir respektieren Bosnien maximal.“ Die Botschaft: Der Krieg liegt außerhalb des Sechzehners.
Dennoch spürt die Squadra Azzurra den Druck. Die Qualifikation für 2026 ist offen, England und die Ukraine lauern. Ein Ausrutscher in Zenica würde Italiens Zwischenrunde-Fantasien empfindlich strapazieren. Gattuso setzt auf Kean-Retegui im Sturm, verzichtet wegen Adduktorenproblemen auf Scalvini. Barbarez kann dagegen wieder mit Dzeko und Demirovic planen – ein Duo, das in Mailand gelernt hat, wie man große Spiele entscheidet.
Die Zahl, die die Bosnier wach hält: vier Heimsiege in Serie gegen Top-20-Nationen. Die Zahl, die Italiens Analyse beschäftigt: nur drei Gegentore in den letzten sieben Länderspielen. Zwischen diesen Statistiken lauert ein Abend, der an den 6. November 1996 erinnern könnte – wenn die Drachen wieder einmal die Geschichte umschreiben.
Die Partie beginnt um 20.45 Uhr, live auf DAZN und Rai 1. Die Stimmung wird kochen, egal ob die Flutlichter diesmal funktionieren. Denn eines ist sicher: In Zenica vergeht kein Ball vorbei, ohne dass die Vergangenheit mitspielt. Und wer danach jubelt, muss nicht nur das Tor erklären, sondern auch die Geschichte, die hinter ihm steht.
