Italias fußball-sterben: wie gattusos neue niederlage eine nation an den rand treibt
Schon wieder. Die Azzurri kassierten in Zenica einen 1:2-Knockout und rutschten damit zum vierten Mal nacheinander an einer WM-Teilnahme vorbei. Die Schmach von 2014 wird zur Normalität – und niemand traut sich mehr zu sagen, dass das der Tiefpunkt ist.
Die chronik des abschieds beginnt in oslo
Es war ein frostiger Novemberabend 2017, als Venturas Italien in Norwegen das 0:0 kassierte, das das Aus bedeutete. Seitdem folgte jedes Jahr ein neuer Tiefschlag: Nordmazedonien, die Schweiz, jetzt Bosnien. Die Liste liest sich wie ein Lehrbuch für organisiertes Versagen.
Die Zahlen sind gnadenlos: vier Play-off-Pleiten, 13 Gegentore in den letzten sieben Knock-out-Spielen, kein WM-Tor seit Mattia Destro 2014 gegen Uruguay. Wer sich anguckt, wie die Mannschaft in Zenica im 3-5-2 herumdümpelt, sieht keine Taktik, sondern Angst.

Byron moreno und andere geister
Die Italiener lieben ihre Narrative – und so kursiert wieder die alte Geschichte vom Schiedsrichter, der 2002 im Achtelfinale Korea gegen Italien den Stürmer Moreno nannte. Das Problem: Die aktuelle Truppe schafft es nicht mal mehr in eine Situation, in der ein Schiri sie rausfischen könnte.
Stattdessen prägen individuelle Fehler das Bild. Gegen Bosnien verliert Federico Dimarco den Kopf, Gianluca Scamacca verpasst das 2:0, und Rui Patricio im torlosen Tor wird zum Symbol für ein System, das Talente züchtet, aber keine Charaktere.
Die Serie A schickt jedes Jahr neue Hoffnungsträger, doch die Nationalmannschaft bleibt ein Museum verpasster Chancen. Während die Fans in San Siro 2017 noch „Italia, Italia“ brüllten, herrscht jetzt Apathie. Die Fernsehquoten halbieren sich, die Kurven sind halb leer.

Der preis der angst
Verbandschef Gabriele Gravina versprach nach der verpassten Qatar-WM „eine neue Kultur“. Stattdessen kam Gattuso, der mit seiner Rumpel-Philosophie dieselben Spieler umstellt, die schon unter Mancini scheiterten. Das Ergebnis: 38 Prozent Ballbesitz gegen eine bosnische B-Elf.
Die U21 gewann zuletzt 1:5 in Deutschland, die U19 flog aus der Elite-Runde. Italiens Fußball-Jugend schaut lieber NBA-Clips als Taktikbretter. Die Folge: Ein Land, das einst Pirlo, Totti und Buffon hervorbrachte, stellt jetzt Instragram-Stars, die bei Pressing schon nach 60 Minuten die Hände auf die Knie stemmen.
Und während die Verbände debattieren, ob Roberto Mancini zurückhole oder Antonio Conte das Sagen übernehme, tickt die Uhr. Die nächste WM ist 2026, die Play-offs starten in 28 Monaten. Italien hat gerade mal acht Spieler unter 24 mit mehr als fünf Länderspielen. Die Konkurrenz aus Portugal, England oder Frankreich hat dreimal so viele.
Die Wahrheit ist brutal: Die Azzurri müssen nicht nur ein System wechseln, sondern eine Mentalität. Solange in Rom noch über Schiedsrichter von 2002 gejammert wird, gewinnt Bosnien 2024. Die Zeit der Entschuldigungen ist vorbei – und die Zeit der Abstinenz beginnt gerade erst.
