Italia beginnt in bergamo den playoff-blitz: gattuso will die angst abschütteln

Die Azzurri treten heute Abend in der New Balance Arena von Bergamo gegen Nordirland an – und nichts zählt außer der Sieg. Keine vier Weltmeistertitel, keine glorreiche Vergangenheit, nur 90 Minuten, die entscheiden, ob die Truppe von Gattuso im Lauf Richtung WM 2026 bleibt oder als erste italienische Generation scheitert, die drei Playoffs in Folge zocken muss.

Die verletzten stars, die trotzdem kamen

Alessandro Bastoni schont die schmerzende Tibia, Gianluca Scamacca kämpft mit einer Adduktoren-Läsion. Beide hätten zu Hause bleiben können. Keiner wollte. Sie bestanden darauf, nach Coverciano zu reisen, um auf der Bank zu sitzen, mitzujubeln, mitzuleiden. Die Botschaft: Dieses Mal sind keine diplomatischen Verletzten erlaubt. Die Kabine braucht Körper, die auch nur dampfen, um den Neuanfang zu glauben.

Gattuso selbst wirkt wie ein Boxer, der vor dem ersten Gong noch schnell das Handgelenk tapen lässt. Drei Trainingseinheiten hat er gehabt, seit ihm der Verband den Job überließ. Drei, um eine Mannschaft zu finden, die die Angst vor Nordirland nicht zur zweiten Haut werden lässt. Die Angst ist real: Erst die Schweden-Blamage, dann das Nordmazedonien-Debakel. Wer italienisches Trikot trägt, spielt seitdem nicht nur gegen den Gegner, sondern auch gegen die eigene Geschichte.

3-5-2 Ohne rücksicht auf verluste

3-5-2 Ohne rücksicht auf verluste

Sein System steht: drei Innenverteidiger, zwei Flügel, ein Doppelsechs-Schild, zwei Stürmer vorne. Scamacca war ohnehin nicht für die Startelf vorgesehen, Bastoni könnte noch rechtzeitig fit werden. Fällt er aus, rückt Scalvini, Coppola oder Gatti nach – Namen, die vor zwei Jahren noch in keiner Wette standen. Gattuso will keine Stars, er will Arbeiter. „Ich würde mich selbst nicht aufstellen“, sagt er und meint damit, dass Temperament allein keine Tickets verteilt.

Die Auswahl der 23 war deshalb auch ein Schnitt durch die Nabelschnur der Vergangenheit. Kein Zaniolo, kein Bernardeschi, obwohl beide zuletzt aufblitzten. Der Trainer zitiert lieber Lippi, der einst Cassano zu Hause ließ, und Bearzot, der auf Pruzzo verzichtete. Es ist ein Projekt statt einer Liste. Wer dabei ist, muss mitmachen, beim Frühstück, beim Video, beim Mittagessen. Die Mannschaft soll wieder ein Dorf werden, nicht ein Bündel von Inselverträgen.

Heute Abend zählt nur das Ergebnis. Ein Tor früh, und die Arena atmet durch. Ein Gegentor, und die 60 Millionen Nationaltrainer auf den Rängen erfinden neue Sündenböcke. Die Statistik lügt nicht: Italien hat seine letzten fünf Pflichtspiele nicht über 90 Minuten gewonnen. Das ist keine Serie, das ist ein Fluch. Gattuso will ihn brechen – mit einer Elf, die noch keine eigene Geschichte hat, aber heute die erste Seite schreiben muss.

Der Countdown läuft. In Bergamo steht nicht nur das Stadion, sondern die gesamte Zukunft des italienischen Fußballs auf dem Rasen. Der Ball rollt um 20:45 Uhr. Danach wissen wir, ob die Azzurri nach Wales oder Bosnien reisen – oder ob sie wieder nach Hause fahren, um sich neue Ausreden zu suchen.