Iniesta jubelt im teamauto: gilmour schockt godon und evenepoel in barcelona

Barcelona schlug Mitternacht, die Läufer surrten noch nach, da riss Brady Gilmour bereits die Arme hoch – und neben ihm im Sprinter des NSN-Cars explodierte ein Mann, der hier 22 Jahre lang für Barça die Bälle zirkulierte ließ. Andrés Iniesta, 41, Mitbegründer der Agentur „Never Say Never“, presste sich gegen die Frontscheibe, als sein 24-jähriger Australier den Sprint der Königsetappe knackte. Erster WorldTour-Sieg für Gilmour. Erster gemeinsamer Triumph für die quirligen Start-up-Renner und ihren prominenten Besitzer.

Der plan klappte bis auf den letzten meter

„Wir haben ihm heute Morgen auf dem Bus gesagt: ‚Fahr nach vorn, dann halt dich an Godons Rad.‘ Er hat’s gemacht und trotzdem noch Evenepoel und den Franzosen im Seitenwind abgehängt“, sagt Iniesta, während er die Kappe des Straßensiegers in der Hand kneift. Die Strecke durch Montjuïc versprach Drama – enge Kehren, Steigung auf den letzten drei Kilometern, ein verwinkeltes Finale direkt vor dem Olympiastadion. Gilmour nutzte die Rampe, um sich aus dem Windschatten des Favoriten zu lösen. 180 Meter vor dem Ziel schaltete er in den höchsten Gang, und niemand kam mehr vorbei.

Die Zeitmessung zeigte 3:51:02 für die 138 Kilometer rund um Barcelona. Godon wurde Zweiter, Evenepoel Dritter – ein Ergebnis, das die Gesamtwertung kurz vor dem Schlusstag durcheinanderwirbelt. Lipowitz behauptet zwar das Gelbe Trikot, doch sein Vorsprung auf den Dänen Vingegaard schrumpft auf 14 Sekunden. „Das macht morgen Druck, keine Frage“, sagt Lipowitz mit Blick auf die Andorra-Bergetappe.

Ein sieg, der weit über das podium hinauswirkt

Ein sieg, der weit über das podium hinauswirkt

NSN Cycling existiert seit 18 Monaten. Budget: überschaubar. Personal: 14 Fahrer, fünf Mechaniker, zwei Physios. Die Lizenz für die Volta a Catalunya bekam das Team erst durch Wildcard – und holt sich jetzt ausgerechnet im Herzen Kataloniens die Show. Sponsoring-Chefin Laura Casanova spricht von „Anrufen aus China, den USA und Katar, seitdem das Foto von Iniesta und Gilmour die sozialen Kanäle flutet“. Die Zahlen sind klein, aber laut: Follower-Zuwachs von 38 Prozent an einem einzigen Nachmittag.

Gilmour selbst fuhr nach der Siegerehrung direkt ins Teamhotel an der Diagonal. Dort wartete schon der ehemalige Barça-Trainer Pep Guardiola, der zufällig in der Stadt ist und dem Australier ein Trikot des FC Barcelona überreichte. „Ich bin ein Cricket-Kerl aus Bendigo, und jetzt stehe ich hier mit Pep und Andrés. Irgendwer kneift mich, bitte“, lacht Gilmour und schüttelt den Kopf, als käme das alles einem Film gleich.

Die 102. Volta endet morgen mit der Königsetappe nach La Molina. Für NSN Cycling ist der Druck dahin – jetzt geht’s nur noch uas reine Tempo. Und für Iniesta? Der kaufte sich direkt hinter der Ziellinie ein Kännchen Cortado von einem Straßenstand, neben zwei Barça-Ultras, die ihn sofort erkannten. „Vielleicht“, sagt er und lässt den Blick über die beleuchteten Fassaden der Altstadt gleiten, „habe ich endlich verstanden, wie sich ein Sieg anfühlt, wenn man nicht selbst trifft, sondern zuschaut.“ Dann lacht er, steigt ins Teamauto und lässt den Motor an. Die Nacht ist noch jung. Die Saison auch.